Polit-Crash: Machtkampf zwischen Haider & Riess
- PLUS: Haider und Riess-Passer im Interview
Blauer Machtkampf Haider gegen Riess geht ins Finale. Dienstag, später Nachmittag, Vorzimmer der Vizekanzlerin. Die Hektik ist zum Greifen. Aus Susanne Riess-Passers Büro stürmen Verteidigungsminister Herbert Scheibner und FPÖ-General Peter Westenthaler, als NEWS auf den Interviewtermin wartet.
Wie’s weitergeht? Minister Scheibner zuckt die Achseln: „Die Frage werden Sie wohl drinnen stellen müssen.“ Drinnen die Vizekanzlerin. Sonst unumstrittene Meisterin im Runterspielen von parteiinternen Querelen, versucht sie erst gar nicht, den „Konflikt kleinzureden“. So einen Tag wie diesen, seufzt sie, und den davor, habe sie in den ganzen fünfzehn bewegten Jahren ihrer Zusammenarbeit mit Jörg Haider nicht erlebt: „Das hätte sich wohl niemand gedacht.“
Entfremdung
Die „menschliche Entfremdung“ von ihrem ehemaligen Mentor, Chef und väterlichen Freund Jörg Haider war am Vortag kulminiert …
„zynisch“ abtat.
Seitdem hatten die beiden Kontrahenten kein Wort mehr miteinander gewechselt, waren nur Regierungspartner und Parteifreunde hinter den Kulissen bemüht, die schlimmsten Risse zu kitten. Während man in der ÖVP Riess-Passer den Rücken stärkte, profilierte sich Justizminister Dieter Böhmdorfer, an sich letzter Vertrauter Haiders in der blauen Regierungstruppe, als innenpolitischer Mediator. Böhmdorfer, der noch am Montag am Rande der Ministerratsvorbesprechung Riess-Passer demonstrativ die geplagte Schulter geklopft hatte, bekniete am Dienstag Haider, doch noch einzulenken.
Was dieser Dienstagabend auch tat, als er sein Volksbegehren für eine Steuerreform 2003 kurzerhand verschob. Doch niemand in der Partei traut diesem Frieden. Keiner nimmt an, dass Riess-Passer mit diesem Etappensieg endgültig die Ruhigstellung Jörg Haiders gelungen sein kann. Spätestens am kommenden Dienstag, beim Treffen des FP-Parteivorstandes, kann es zum Showdown kommen. Mit ungewissem Ausgang:
Damit ist vom offenen Konflikt inklusive Riess-Passers Rücktritt, der das Ende der schwarz-blauen Koalition und baldige Neuwahlen oder zumindest einen Austausch der FP-Regierungsmannschaft zur Folge hätte, bis zur Parteispaltung durch einen geschlossenen Kärntner Austritt oder auch einer tränenreichen Versöhnung auf Zeit alles möglich.
Ende einer Freundschaft
Was nicht mehr möglich scheint, ist die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen der FPÖ-Obfrau und ihrem Vorgänger. In dem Nervenkrieg zwischen den beiden kann es, glauben Kenner beider Streitparteien, bestenfalls zu einem kurzfristigen Waffenstillstand, nie mehr aber zu einem endgültigen Friedensschluss kommen. Es sind Szenen einer offenbar total zerrütteten „blauen“ Ehe, einer gescheiterten Beziehung zweier Politiker, die nach fünfzehn gemeinsamen Kampfjahren im Februar 2000 die historische politische Wende in der Republik herbeiführten – und drauf und dran sind, just daran zu zerbrechen.
Verbittert am Wörthersee
Die Dramatik der vergangenen Tage veranschaulicht den tiefen Riss. Pörtschach, Seehotel Schorn. Jörg Haider, letzten Samstagnachmittag beim Halbmarathon Villach–Klagenfurt als 634. unter mehr als 3.000 Läufern durchs Ziel gesprintet, gönnt sich abends Fisch. Aus den Radionachrichten weiß er es schon: Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer droht im „Kurier“ mit ihrem Rücktritt, sollte es zu dem von der Kärntner FPÖ beabsichtigten Sonderparteitag über die von der Regierung abgesagte Steuerreform 2003 kommen.
Was Haider zunächst mit erstaunt-fassungslosem Kopfschütteln quittiert: „Ein Witz ist das, eine völlig unnötige Aktion.“
Noch vor dem ersten Bissen, es ist etwa 20.47 Uhr, klingelt Haiders Handy. „Servus Susanne, sag, was hast denn da wieder der Zeitung erzählt?“
Haiders Lächeln gefriert schlagartig, er hört der Vizekanzlerin zunehmend angespannt zu. Unwilliges Kopfschütteln. „Du kennst meinen Standpunkt, den hab ich dir immer wieder erklärt. Warum sagst so was von Rücktritt und so? Ah so? Na gut, dann ist es halt so … wennst glaubst, na bitte. Ja, ja, servus!“, und starrt sekundenlang wie abwesend in den Wörthersee.
Autoren: Ch. Neuwirth, H. Wachter
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