Dienstag, 27. August 2002

Milosevic spricht in Den Haag von "NATO-Verbrechen"

  • Ist NATO für Tod von 180 Häftlingen im Kosovo verantwortlich?

Der Tod zahlreicher Häftlinge bei NATO-Bombenangriffen auf ein Gefängnis im Kosovo im Mai 1999 ist am Dienstag im Mittelpunkt des Prozesses gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestanden. Milosevic sprach dabei von einem "Verbrechen der NATO" und bezifferte die Zahl der Toten auf 180. Dagegen gab ein damaliger Häftling als Zeuge der Anklage die Zahl der Bombenopfer mit 23 an.

Er warf jedoch den serbischen Wärtern vor, nach den ersten Angriffen ein Massaker unter den Häftlingen angerichtet und 97 umgebracht zu haben. Die BBC-Journalistin Jacky Rowland schilderte als Zeugin der Anklage, dass serbische Behörden ausländischen Journalisten das beschädigte Gefängnis gezeigt hätten. Die Fernsehreporterin war seinerzeit mit ihrem Team bei zwei Besuchen durch das zerbombten Gelände geführt worden. Dabei habe sie 44 Leichen gezählt, die zum Teil unter Decken lagen, schilderte sie in einem kurzen Nachrichtenfilm.

Der Direktor des Gefängnisses berichtete vor laufender Kamera, dass NATO-Flugzeuge zwei Tage lang die Gebäude angegriffen hätten und Dutzende von Häftlingen umgekommen seien. Die Journalisten durften sich aber nach Rowlands Worten auf dem Gefängnisgelände nicht frei bewegen.

Wärter schossen stundenlang auf Häftlinge
Auch Musa Krasniqi, der wegen seiner Mitgliedschaft in der so genannten Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) damals unter Terrorismus-Vorwurf in Dubrava inhaftiert war, bestätigte die Zerstörung des Gefängnisses durch Flugzeugbomben am 19. und 21. Mai 1999. Mehr als 800 Häftlinge seien aus ihren Zellen gelassen worden und hätten sich auf einem freien Platz versammelt. Dort hätten Wärter am 22. Mai frühmorgens zwei Stunden lang die Gefangenen mit halbautomatischen Waffen, Maschinengewehren, Bazookas und Handgranaten unter Feuer genommen. Die Überlebenden wurden später in andere Gefängnisse verlegt, schilderte er.

Milosevic streitet ab
Milosevic, der sich vor dem Tribunal selbst verteidigt, warf dem Zeugen vor, seinen Bericht über ein Massaker frei erfunden zu haben. "Warum sagen Sie nicht die Wahrheit", fragte er wiederholt. Milosevic beschuldigte die Anklage der "Manipulationen mit Videobändern und Angaben von Exekutionen, die gar nicht stattgefunden haben". Den Vorwürfen der Ankläger über seine Verantwortung auch für das in der Anklageschrift aufgeführte Blutbad durch Gefängniswärter hielt er Fotos von den Schäden im Gefängnis nach den NATO-Angriffen entgegen. "Sie sollten sich die Fotos auch ansehen", empfahl er dem Vorsitzenden Richter Richard May.

Unterdessen wird gegen zwei frühere Landwirtschaftsminister aus der Regierungszeit Milosevics wegen der Veruntreuung von Staatsgeldern ermittelt. Wie die Staatsanwaltschaft in Belgrad am Dienstag mitteilte, sollen die Ex- Minister und drei ihrer Mitarbeiter bis Ende 2000 zusammen mehr als 60 Millionen Dinar (eine Million Euro) unterschlagen haben. Das Geld sei für die Landwirtschaft bestimmt gewesen.

27.8.2002 17:05