Dienstag, 27. August 2002

Eschede: Vor Unglück Auffälligkeiten bei Unglücksrad

  • Sachverständigenaussage in Celle: "Unfallrelevant"
  • Im Jänner Prozessverlegung nach Hannover

Knapp eine Stunde vor der ICE-Katastrophe von Eschede (Niedersachsen) mit 101 Toten hat eine Messstation der Bahn nach einem Gutachten Auffälligkeiten an dem späteren Unglücksrad festgestellt. Das sagte der Sachverständige Gunnar Bosse am Mittwoch im Strafprozess in Celle.

Nach Messung der automatischen Prüfstelle am Gleis auf freier Strecke hatte das Rad die höchste Unrundheit von allen am Zug. Das Ergebnis sei "unfallrelevant", sagte der Gutachter vom Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung an der Technischen Universität Braunschweig. Die Messstation sei im Probebetrieb gewesen und erst später ausgewertet worden. Das Wartungsprotokoll des ICE 884 habe dagegen bei der Unglücksfahrt keine technischen Defekte an Bord aufgezeichnet, die mit der Katastrophe zusammenhängen könnten.

Nach dem Bruch eines Radreifens war der Zug entgleist und an einer Brücke in Eschede zerschellt. Bei dem Unglück im Juni 1998 waren 101 Menschen ums Leben gekommen. Seit einem Monat müssen sich drei Ingenieure der Bahn und des Radreifenherstellers in Celle verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, das Radsystem bei Einführung nicht hinreichend geprüft zu haben.

Der Prozess wird aus Raumnot im Jänner von Celle nach Hannover verlegt. Das kündigte der Vorsitzende Richter Michael Dölp an. Zum Verfahrensbeginn vor vier Wochen war das Gericht wegen der Masse der Prozessbeteiligten zunächst ins Verwaltungszentrum des Kreises Celle ausgewichen. Im Oktober werde die Behelfslösung enden und der Prozess in das Oberlandesgericht Celle umziehen. Danach soll er angesichts der zwölf geladenen Gutachter in Räumen des Landgerichts Hannover stattfinden.

27.8.2002 16:39