Freitag, 23. August 2002

Weinperspektiven 2002

  • Herbert Hacker sprach mit Spitzenwinzern

Trotz der Jahrhundertflut könnte durch die vorzeitige Reife der Trauben heuer noch ein herausragender Jahrgang entstehen. Österreichs Topwinzer über den Wein im Katastrophenjahr.

Eigentlich wollte Rudi Pichler Anfang August seinen wohlverdienten Urlaub antreten. Doch es kam anders. Der Winzer aus Wösendorf in der Wachau musste am Mittwoch, dem 6. August, mit ansehen, wie der Himmel seine Schleusen öffnete und apokalyptische Regengüsse auf seine Weingärten niederprasselten. In nur wenigen Tagen fiel ein Drittel jener Wassermenge auf die Rebstöcke, die ansonsten innerhalb eines ganzen Jahres gemessen wird. An Ferien war da wohl nicht mehr zu denken.

Erst Wochen später stand das Ausmaß der Verwüstung fest. Pichler, einer der besten Weinmacher des Landes, verlor insgesamt 484 Quadratmeter Steinmauern. Diese Anlagen sind für den typischen Wachauer Terrassenweinbau ein wichtiger Bestandteil. Brechen die Mauern durch den Regen einmal weg, rutscht das Erdreich nach, die Terrassen mit den Rebstöcken verlieren an Halt.

MAUERFALL
So wie Pichler erging es auch anderen Starwinzern der Wachau. Franz Hirtzberger aus Spitz an der Donau verlor knapp vierzig Mauern, ebenso das Weingut Prager in Weißenkirchen. Dem wohl berühmtesten Weinmacher der Wachau, Franz Xaver Pichler aus Oberloiben, von Weinfreaks liebevoll F. X. genannt, sind durch die Sintflut insgesamt 65 Steinmauern zu Tal gerutscht. Sohn Lukas zu dem Desaster: „Wir brauchen mindestens vier bis fünf Jahre, um das wieder aufzubauen.“

Und was bedeutet das für den Wein 2002?
Angesichts der Tatsache, dass einige Weinbauern neben den Schäden in den Gärten auch noch ihre Privathäuser völlig zerstört vorgefunden haben, mag die Frage, wie sich der Jahrhundertregen auf den Jahrgang auswirkt, ein wenig deplaziert erscheinen. Doch für die Weinbauern ist die Antwort von existentieller Bedeutung. Wäre jetzt auch noch die Qualität im Eimer, würden zu allem Überdruss enorme Umsatzeinbußen drohen.

So paradox es auch klingen mag, der Jahrgang 2002 kann selbst in der Wachau und im Kamptal, den meistbetroffenen Gebieten, noch immer ein ausgesprochen guter werden. Vor allem bei den Qualitätswinzern. Zwar werden heuer viele der Wachauer Starwinzer durch die Schäden vermutlich bis zu zwanzig Prozent weniger Wein produzieren, viele der Spitzenlagen in höheren Gebieten aber blieben völlig unversehrt. Dort könnten, so das Wetter mitspielt, noch durchaus großartige Weine entstehen. Der Hauptgrund für die optimistische Prognose trotz der Naturkatastrophe: die frühe Reife der Trauben. Heuer erfolgte der Austrieb ähnlich wie in den beiden vergangenen Jahren deutlich zeitiger. Rudi Pichler: „Einerseits ist das alles eine Tragödie, andererseits aber haben wir durch die frühe Reife beste Voraussetzungen für einen guten Jahrgang.“

Die meisten Winzer sind sich einig: Sollte es in der nächsten Zeit nicht mehr allzuviel regnen, hätte die Jahrhundertflut tatsächlich keine negativen Auswirkungen auf die Reben in Spitzenlagen. Leo Alzinger aus Unterloiben, bekannt für seine markanten Veltliner und Rieslinge: „In den guten Lagen ist das Wasser kein Handicap, wichtig ist nur, dass es jetzt nicht mehr regnet.“ Diese Meinung teilt auch Lukas Pichler, Sohn es legendären F. X.: „Jetzt hängt alles vom September ab, bleibt der Regen aus, wird der Jahrgang sicher gut. Nur der Grüne Veltliner in den Federspiellagen ist bei uns nicht mehr zu gebrauchen.“

WENIGER MASSENWEIN.

Generell gilt für die Wachauer und Kamptaler Weißweine: Topweine wird es auch heuer geben. Überschwemmt wurden vor allem tiefliegende Weingärten in Flussnähe, aus denen eher geringere Qualitäten stammen. Im Kamptal etwa wurden zehn Prozent der 5.000 Hektar Weinflächen
zerstört. In den meisten Fällen aber handelte es sich dabei um Massenwein.

Andere wiederum blieben vom Hochwasser völlig verschont. Der Langenloiser Renommierwinzer Willi Bründlmayer, einer der größten und innovativsten Weinmacher des Landes, wurde von der Flut überhaupt nicht betroffen. Auch er ist der Meinung, dass der Wein 2002 eigentlich ein besonders guter werden könnte, so es nicht mehr allzuviel regnet. Bründlmayer: „Es schaut, auch wenn es komisch klingen mag, sogar nach einem Superjahrgang aus.“ Bründlmayer verspricht sich dichte, gehaltvolle Weine, eine generelle Entwicklung der letzten Jahre durch den tendenziell früheren Austrieb. Bründlmayer: „Statistisch gesehen hat sich im Zeitraum zwischen 1965 und 2002 der Beginn der Vegetationsperiode um elf Tage nach vorne verschoben.“

Die Zeit der leichten und dünneren Weine scheint durch die Klimaveränderung vorbei zu sein. Und so könnten auch heuer wiederum vor allem Bründlmayers Spitzenkreszenzen wie Chardonnay, Ried Lamm, Käferberg und Riesling Heiligenstein besonders dicht und körperreich ausfallen.

In anderen Weinbaugebieten ist der Optimismus noch größer. Im Burgenland etwa hat sich der starke Regen in manchen Gegenden praktisch kaum bis gar nicht ausgewirkt. Der Rotweinstar Erich Krutzler aus Deutsch-Schützen im Südburgenland, bekannt für seinen legendären Perwolff, schwärmt ebenfalls von einem Superjahrgang. Krutzler: „Wir haben beste Voraussetzungen, die frühe Reife wirkt sich auf unsere Rotweine ideal aus. “

In der Thermenregion im südlichen Niederösterreich sieht Rotweinspezialist Christian Fischer aus Sooß den Jahrgang eher mit gemischten Gefühlen: „Sicher haben wir heuer ein bisschen zuviel Wasser abbekommen, was vor allem dem Zweigelt nicht gut bekommt. Sollte es weiter regnen, könnte den Weinen die Konzentration fehlen.“

Von allem Unheil verschont blieb hingegen die Südsteiermark. Winzer wie die Brüder Polz aus Spielfeld jubeln schon jetzt über den Jahrgang 2002. Erich Polz: „Die Natur hat es bis jetzt ausgesprochen gut mit uns
gemeint. Wenn wir Glück haben, werden die Weine heuer
besonders aromatisch und intensiv.“

23.8.2002 13:52
GUSTO-Rezeptsammlung