Mittwoch, 21. August 2002

Nach der Flut - Die Bilanz einer Jahrhundertkatastrophe

  • 4 Milliarden Euro Schaden, 200.000 Geschädigte
  • 120.000 Helfer im Totaleinsatz

Freiwillige helfen Flutopfern: Die Flutwellen an Kamp und Donau hinterließen eine Spur der Verwüstung. Dutzende Städte und Orte versinken in Schlamm, Schutt und Treibholz. Ausgelaufenes Heizöl verseucht die Böden und verbreitet bestialischen Gestank. Trotzdem: Kaum geht das Wasser zurück, greift die Bevölkerung, unterstützt von Feuerwehr, Bundesheer und Tausenden freiwilligen Helfern, zu Schaufel und Besen und beginnt mit dem Wiederaufbau. Doch die Spuren der Jahrhundertflut werden noch jahrelang zu sehen sein.

Sie saßen einfach da, eng aneinander gedrückt am Sofa. Händchen haltend, den Blick gerade aus auf die dunkle Scheibe des Fernsehgeräts. Das Wasser bereits in Bauchhöhe. Über 40 Jahre lebten Adelheid, 72, und Gustav Meissner, 82, in dem alten Baderhaus nebst der Lainsitz im niederösterreichischen Gmünd. „Der Fluss war immer so friedlich. Manchmal hat’s bei Hochwasser ein paar Spritzer in den Garten gegeben – aber das war schon alles …“
Zweimal überschwemmte das scheinbar harmlose Gewässer in den vergangenen vierzehn Tagen das Haus der Pensionisten. „Wie das Wasser zum zweiten Mal kam, war der Schock zu groß. Wir sind einfach sitzen geblieben und haben zugeschaut wie das Wasser rund um uns immer höher stieg …“

Die große Flut
Ein surreales Bild, das wie kein anderes den ganzen Wahnsinn und die ganze Dramatik der großen Flut, die Österreich heimsuchte, beschreibt. Unfassbare zehn Billionen Liter Wasser – das entspricht der 20-fachen Wassermenge des Mondsees – stürzten auf weite Teile Österreichs nieder und versenkten ganze Landstriche und Städte innerhalb von nur sechs Tagen.
Eine Sintflut, die – wie es Bundeskanzler Wolfgang Schüssel treffend formulierte – „die schwerste nationale Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg auslöste“.

Vier Milliarden Euro Schaden
Die menschliche Tragödie wird erst jetzt – im Zuge der Aufräumarbeiten – abschätzbar:
Unmittelbar sind 200.000 Menschen aus Oberösterreich, Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark, Wien und Tirol von der Flutwelle betroffen. 10.000 Häuser sind schwerst beschädigt und großteils abbruchreif, rund 60.000 sind beschädigt. Mehr als 500 Betriebe wurden überflutet und lahm gelegt. Jetzt stehen viele Unternehmer unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus. Unterm Strich bleiben Schäden von – optimistisch gerechnet – zwei Milliarden Euro. Eine Zahl, die sich im schlimmsten Fall noch mehr als verdoppeln und die Vier-Milliarden-Euro-Grenze durchbrechen könnte.

Vergiftetes Land
Dazu kommt eine ökologische Katastrophe unabsehbaren Ausmaßes: Hunderttausende Liter ausgeflossenes Heizöl, überschwemmte Senkgruben und Kläranlagen drohen Grundwasser und Böden für viele Jahre zu verseuchen. Auch die Kadaver von Tausenden Wildtieren stellen eine akute Seuchengefahr dar.

Nackte Zahlen, die das menschliche Leid nur im Anssatz erahnen lassen. Die Tausenden Betroffenen sind Menschen, die sich das Haus und ihre Existenz meist über Jahrzehnte unter größtem Verzicht aufgebaut haben und jetzt vor den Trümmern ihres Lebens stehen. Vom Pensionistenehepaar, das nur mehr schwimmend aus seinem Haus flüchten konnte, bis zu jener Familie mit zwei Kleinkindern, deren einzige und letzte Rettung der Abtransport am Bergeseil eines Innenministeriums-Hubschraubers war. Oder jenes junge Ehepaar, das erst vor zwei Wochen das neue – auf Kredit finanzierte – Heim bezogen hatte, von dem jetzt nur mehr eine Ruine steht.

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Außerdem:

  • Die Bilder der Katastrophenbilanz
  • Das Extra-Heft zur Flutkatastrophe: Hilfe für Geschädigte
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    21.8.2002 13:45