Der erste Sommer nach Mortier
- Heinz.: Viele Siege und eine Niederlage bei den Festspielen
Das Publikum wollte sich Mortiers Abgang durch nichts vermiesen lassen – nicht einmal durch Qualität.
Die Salzburger Festspiele sind im Wesentlichen absolviert, die großen Premieren bezwungen, die Folgen des Wechsels von Gérard Mortier zu Peter Ruzicka einschätzbar. Dem extrovertierten, leidenschaftlich erregungsbereiten Europäer, der wandelnden Marketing-Offensive selbst für Misslungenes, ist ein stiller, jedem Getöse körperlich abgeneigter Künstler gefolgt: ein bedeutender Komponist, ein Intellektueller und Fachpublizist von Rang. Er erkannte bald die Schlingen, die einen am exponiertesten Außenposten des österreichischen Kulturlebens bedrohen.
Der gefährlichsten entging er bravourös. Nicht wenige hatten von ihm den Schritt zurück hinter die Ergebnisse des Radikalreformers Gérard Mortier erwartet. Doch Ruzicka begann seine Amtszeit mit der ingeniösen Zusammenführung von Nikolaus Harnoncourt und Martin Kusej für „Don Giovanni“. Woran Mortier zehn Jahre lang verzweifelt war, wurde hier an einem denkwürdigen Premierenabend Wirklichkeit: die Mozart-Ästhetik unserer Zeit.
Das Wunder geschah auch diesseits der Rampe: Das wieder reichlich erschienene Höchstpreispublikum war derart entschlossen, sich Mortiers Abgang durch nichts vermiesen zu lassen, dass es den kühnen „Don Giovanni“ mit Ovationen zur Kenntnis nahm und sogar das gewagte Exil-Projekt „Der König Kandaules“ überrannte.
Dass die Salzburger Festspiele auch nach Mortier im öffentlichen Bewusstsein dröhnten, war das Verdienst des Schauspielchefs Jürgen Flimm, der dem alten, nackten „Jedermann“ neue Kleider in Form einer harmlosen Neuinszenierung anmaß und den Moshammers dieser Welt Veronica Ferres als Buhlschaft schenkte.
Andererseits widerfuhr dem Intendanten zumindest in Vorformen, was ihm sein Vorgänger geweissagt hatte. Unwillens, sich in die Salzburger Macht- und Gesellschaftsspiele einzulassen, geriet er in Turbulenzen: Sein Finanzdirektor Gerbert Schwaighofer, seinerzeit aus politischen Gründen von der SPÖ gegen eine angeblich konservative Übermacht im Direktorium inthronisiert, entwickelte einen unkünstlerischen Aktionismus, der den Betrieb behindert und das Unternehmen nach außen grotesk fehlrepräsentiert. Ruzicka wird am 13. September im Kuratorium tun müssen, was ihm angeblich nicht liegt: ein Machtwort sprechen.
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