Donnerstag, 22. August 2002

Bevölkerungsdruck macht schnelle Trendwende nötig

  • Ohne politische Kursänderung werden soziale Unruhen wachsen

Dass die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst und dies zu enormen sozialen Unruhen führen ist längst kein Geheimnis mehr. Nun warnt auch die Weltbank und rät zu einer schnellen politischen Kursänderung. Das Ziel der Vereinten Nationen, die Armut weltweit bis 2015 zu halbieren, gerate in Gefahr.

Die immer schneller wachsende Weltbevölkerung wird nach Ansicht der Weltbank ohne entscheidende politische Kursänderung in den kommenden Jahren soziale Unruhe und Umweltprobleme anschwellen lassen. Arme und reiche Länder müssten gemeinsam ihren Beitrag leisten, verlangte die Weltbank in ihrem Weltentwicklungsbericht 2003, der am Mittwoch zugleich in Johannesburg und Washington zum bevorstehenden UN-Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung veröffentlicht wurde. "Wir benötigen einen raschen Wandel", erklärte der für Entwicklungspolitik zuständige Weltbank-Abteilungsleiter Ian Goldin in Johannesburg.

Die Weltbank zeichnet in der Studie ein eher trübes Bild. So habe sich bei den Einkommen etwa die Kluft zwischen den 20 reichsten und den 20 ärmsten Ländern seit 1970 verdoppelt. Die Weltbevölkerung werde in den nächsten 50 Jahren von jetzt sechs auf neun Milliarden Menschen steigen, sich danach aber stabilisieren. Zweidrittel würden in Städten leben. Der Trend zu Mega-Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern werde zunehmen - von heute 15 in den Entwicklungs- und vier in den Industriestaaten auf dann 54 beziehungsweise sechs: "Der Energie-, Wasser-, Wohnraum- und Bildungsbedarf wird enorm sein."

Mit 140 Billionen Dollar Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde sich die Weltwirtschaft vervierfachen. "Eine 140-Billionen-Wirtschaft ist mit derzeitigen Produktions- und Verbrauchsmustern einfach nicht haltbar", meinte Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern. "Umfassende Veränderungen - vor allem in den reichen Ländern - sind nötig, um sicherzustellen, dass arme Leute am Wirtschaftsleben teilhaben können und die Umwelt nicht so geschädigt wird, dass ihre Zukunft bedroht ist." Vor allem Ressourcen wie Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Artenvielfalt müssten besser gemanagt werden.

Reiche Länder müssen Märkte öffnen
Afrika trägt nach Ansicht der Co-Autorin der Studie, Linda Likar, am wenigsten zum Klimawandel bei, leidet aber in Form von Dürre und Überflutungen am meisten unter dem Klimawandel. Eine Abkehr vom intensiven Verbrauch fossiler Brennstoffe hin zu umweltverträglichen sei dringlich. Für die Reduzierung der Armut sei ein Jahreswachstum von mindestens 3,6 Prozent des BIP erforderlich. Einer der größten Beiträge, den die Industrieländer leisten könnten, sei die Streichung von Subventionen, vor allem im Agrarbereich. Allein die jüngsten Subventionen für die US-Farmer dürften allein der afrikanischen Branche Einkommenverluste in Höhe von 200 Millionen Dollar bescheren.

"Reiche Länder müssen ihre Märkte weiter öffnen und Agrarsubventionen abbauen, die die Einkommen von Bauern in der Dritten Welt schmälern. Sie müssen mehr Entwicklungshilfe leisten, Medikamente und neue Technologien liefern", heißt es im Bericht.

Likar kritisierte am Beispiel der Immunschwächekrankheit Aids Institutionen, die ungenügend zum Schutz der Gesellschaft beitrügen. Das gelte auch bei der wichtigen Landfrage. 1,3 Milliarden Menschen lebten bereits in kritischen Zonen wie Wüsten, Feuchtgebieten und Wäldern. In 25 Jahren lebten wahrscheinlich Dreiviertel der Weltbevölkerung in Küstengebieten bis zu 100 Kilometer landeinwärts. Das Küsten-Ökosystem werde schwer belastet. Seit den fünfziger Jahren verschwanden so zwei Millionen Hektar Weiden, Äcker und Wälder.

Entwicklungsländer fordert die Weltbank auf, die Demokratie zu fördern und die Regierungsarbeit transparenter zu machen. Bei Ausbau von Wohnraum müssten neueste Technologien angewendet werden, um Ressourcen zu schonen. Dreh- und Angelpunkt sei die nachhaltige, umweltschonende wirtschaftliche Entwicklung der armen Länder.

22.8.2002 10:55