Mittwoch, 21. August 2002

Neue Studie schätzt Flut-Schäden auf bis zu 7,4 Mrd. €

  • Wifo & IHS: 3,5 Prozent des BIP an Volksvermögen vernichtet
  • Hoffnung auf internationalen Konjunkturaufschwung abgeblasen

Der Gesamtschaden durch die Hochwasserkatastrophe im privaten und im öffentlichen Bereich in Österreich wird vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) nach ersten Schätzungen von Versicherungen und Behörden mit 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beziffert. In diesem Ausmaß (rund 7,4 Mrd. Euro) dürfte Volksvermögen vernichtet worden sein, die Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung ist damit dahin.

In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Österreichs, dem BIP, werden die Schäden jedoch keinen unmittelbaren Niederschlag finden. Wirksam sind jedoch die Hilfeleistungen durch Bund, Länder und Körperschaften für die gesamtstaatliche Defizitquote. Wifo-Chef Helmut Kramer beziffert diese Summe mit zumindest 1 Prozent des BIP.

Nachfrageimpuls für Bauwirtschaft
Je nachdem, wann diese Hilfen ausbezahlt werden - verteilt auf 2002 und 2003 - werden sie den Staatshaushalt bzw. die öffentlichen Haushalte durch Mehraufwand und Mindereinnahmen belasten. Der Stillstand von Betrieben, Ernteausfälle usw. wird das volkswirtschaftliche Wachstum heuer eher dämpfen, 2003 aber ankurbeln. Per saldo könnte die Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum mit verloren gegangener Wertschöpfung, aber höherer Nachfrage, ziemlich neutral ausfallen, meinte Kramer. Sektorell erhalte die seit längerem krisengeschüttelte Bauwirtschaft und deren Zulieferer jedenfalls einen gewichtigen Nachfrageimpuls durch die notwendigen Ersatzinvestitionen in neue Gebäude, Einrichtungen und Infrastruktur.

Die Hochwasserkatastrophe sei jedoch von einem allgemein tristen Konjunkturbild überlagert, sagte Kramer. In den USA sei der nach den Terroranschlägen vom 11. September einsetzende Aufschwung wieder erloschen, das 2. Quartal 2002 sei mit 1 Prozent BIP-Zuwachs deutlich schwächer ausgefallen als das 1. Quartal, das revidiert 4 Prozent ergeben habe, was für das erste Halbjahr 2,5 Prozent ergebe. "Das Amerika-Risiko, das wir bei der Juni-Prognose der Erwartung eines weiteren Aufschwungs gegenübergestellt haben, ist eingetreten", so Kramer. Ursache hiefür sei die Überbewertung an den Börsen und die damit zusammenhängende Verschuldung des privaten Sektors in den USA. Auch der Dollar sei im Vergleich zur US-Leistungsbilanz überbewertet. Das makroökonomische Ungleichgewicht der USA sei nicht behoben.

Das Wifo hat für die Entwicklung der nächsten eineinhalb Jahre zwei Szenarien aufgestellt, die der Auftragsarbeit "Budgetpolitik und wirtschaftspolitische Strategie" zugrunde gelegt sind, die Wifo, IHS und der Staatsschuldenausschuss für Finanzminister Karl-Heinz Grasser (FPÖ) und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) ausgearbeitet haben. Das bessere Szenario geht von einer Verzögerung des Wirtschaftsaufschwungs um ein halbes Jahr aus. Für diesen Fall dürfte das Wifo seine nächste Konjunkturprognose am 20. September von zuletzt 1,2 Prozent für 2002 auf maximal 1 Prozent nach unten revidieren. Für 2003 sollte das downgrading mit 2 Prozent (gegenüber 2,8 Prozent vom Juni) aber stärker ausfallen.

Nur noch ein Prozent Wirtschaftswachstum
Ein ungünstigeres Szenario, dem das Wifo eine Abschwächung der Wachstumsrate weltweit, in den USA und in Europa auf 1, bis 1,5 Prozent zugrundelegt, bedeutete für Österreich, dass die Wachstumshoffnung in Österreich für 2003 von zuletzt 2,8 Prozent auf 1 bis 1,5 Prozent zurückgenommen werden müsste. "Es gibt aber bereits Stimmen, die auch eine Rezession nicht mehr ausschließen", so Kramer.

Leitl hält weiter an Lohnnebenkostensenkung fest
Der Chef der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Christoph Leitl, hält trotz der Konjunkturprognose des Wifo an seiner Forderung nach einer Lohnnebenkosten- und Steuersenkung für Unternehmen fest. "Es hat sich nichts verändert. So lange der Umfang der (Hochwasser-)Schäden nicht klar ist, kann eine seriöse Diskussion nicht geführt werden", sagte Leitl.

21.8.2002 15:10