Montag, 19. August 2002

Ferrari feiert, bei den Fans macht sich Fadesse breit

  • Keine Spannung mehr in der "Ferrari-WM"
  • PLUS: Alles zum Ungarn-GP & die Boxenluder zum Durchklicken

Ferrari feiert den größten Moment in der Geschichte des Unternehmens, aber die Konkurrenz versinkt in Resignation, bei den Zuschauern macht sich Fadesse bereit. Die Formel-1-Weltmeisterschaft 2002 ist vier Rennen vor Schluss endgültig zu einer Ferrari-Meisterschaft verkommen. Ob sich nach dem Titel für Michael Schumacher und dem in Budapest eingefahrenen Sieg in der Konstrukteurswertung die Fans für den Kampf von Rubens Barrichello um Platz zwei erwärmen können, ist zu bezweifeln.

Selbst Michael Schumacher sehnt das Ende herbei. "Solange Rubens nicht Vize-Weltmeister ist, werden wir ihm keine Punkte wegnehmen. Hoffen wir also, dass wir diesen Titel schnell im Sack haben, damit wir noch ein wenig Spaß miteinander haben", sagte der fünffache Weltmeister nach dem Ferrari-Doppelschlag in Budapest. Nach neuesten Hochrechnungen darf "Schumi", der in den vergangenen Wochen von der noch weit extremeren Schützenhilfe seines Teamkollegen Barrichello profitierte, so schnell nicht wieder Vollgas geben. Wohl erst im allerletzten Grand Prix des Jahres am 13. Oktober in Suzuka darf der Deutsche den zehnten Saison-Sieg und damit den Rekord für die Ewigkeit einfahren.

Jetzt wird Barrichello unterstützt
Auch in der Stunde des zweiten großen Erfolges binnen fünf Wochen rückte Teamchef Jean Todt keinen Millimeter von der umstrittenen Strategie ab. "Unser Hauptziel, den Gewinn des Marken-Titels haben wir geschafft, jetzt werden wir Rubens unterstützen." Bei der rauschenden Siegesparty in familiärer Atmosphäre in einem noblen Hotel in Ungarns Hauptstadt war Starpilot Schumacher trotzdem bestens gelaunt.

Kritik von Gerhard Berger
Seit dem Stallorder-Skandal von Österreich, als Barrichello kurz vor dem Ziel für seinen Teamkollegen auf die Bremse treten musste, findet dieses Geschäftsgebaren der Italiener nicht überall Zustimmung. "Schade, dass sie nicht so gegeneinander kämpfen dürfen, wie einst Senna und Prost", kritisierte BMW-Motorsport-Direktor Gerhard Berger. 1988 und 1989 zeigten der Brasilianer und der Franzose im McLaren, dass es auch anders geht: Zuerst wurde Senna Weltmeister vor Prost, ein Jahr später war es umgekehrt.

Vierter Marken-Titel in Folge
"Es ist der größte Moment in der Geschichte unseres Unternehmens. Ferrari war noch nie so stark und als Hersteller freuen wir uns sehr über den vierten Marken-Titel in Folge", jubelte hingegen Präsident Luca di Montezemolo. "Wenn diese Dominanz anhält, dann haben wir bald keine Zuschauer mehr", warnte Jaguar-Sportchef Niki Lauda nach dem elften Sieg des Konkurrenten im 13. Rennen. "Es war ein fades Rennen. Das Publikumsinteresse wird dadurch nicht gefördert", sagte Lauda, nahm sich aber auch selbst an der Nase: "Für nächstes Jahr müssen wir uns alle zusammen reißen und bessere Autos bauen."

Keine Spannung mehr
Selbst das Duell um den Vize-Titel der Fahrerwertung wird in den letzten vier Rennen kaum für Spannung sorgen: Barrichello hat bereits fünf Punkte Vorsprung vor den Williams-BMW-Piloten Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya. In der Konstrukteurs-WM hat Williams-BMW (80 Punkte) Platz zwei vor McLaren-Mercedes (54) fast in der Tasche.

Einschaltquoten nicht überwältigend
Kein Wunder, dass die Fernseh-Einschaltquoten in Deutschland mit einem Spitzenwert von 8,05 Millionen Zuschauern beim Start des Großen Preises von Ungarn nicht überwältigend waren. "Nach der Hälfte des Rennens hat uns der Schlaf übermannt", gab die italienische Sportzeitung "Gazzetta dello Sport" zu. "Was kann Ferrari dafür, dass die anderen nicht in die Hufe kommen", fragte Schumacher-Manager Willi Weber. "Man darf denen keinen Vorwurf machen, dass sie so gut arbeiten. Den muss man doch eher den anderen machen."

Karten müssen neu gemischt werdenWenigstens steckt die Konkurrenz den Kopf nicht in den Sand: "Wir wollen im nächsten Jahr um den Titel kämpfen. Das ist unser Ziel. Über den Winter werden die Karten neu gemischt", hofft BMW-Manager Mario Theissen auf die Wende. "Eine Ansage kann man nicht machen", so Mercedes-Motorsport-Direktor Norbert Haug, "aber die Formel 1 ist immer für Überraschungen gut. Manchmal ändern sich Dinge schneller als man denkt." Formel-1-Boss Bernie Ecclestone erwartet das Ende der Ferrari-Schumacher-Ära erst "in zwei bis drei Jahren"

19.8.2002 13:28
Ergebnisse, WM-Stand, Team-Porträts