Donnerstag, 22. August 2002

Abu Sayyaf meldet sich mit blutigem Terror zurück

  • Islamistische Extremisten enthaupten zwei christliche Geiseln

Vor kaum drei Wochen sind die US-Truppen von den Philippinen abgezogen, da meldet sich die schon teils besiegt geglaubte islamistische Gruppe Abu Sayyaf blutig zurück: Die Extremisten schlugen zwei verschleppten christlichen Geiseln den Kopf ab. Die Köpfe der Männer und ein Drohbrief wurden am Donnerstag auf der Insel Jolo gefunden, wie ein Armeesprecher mitteilte. "Wer nicht an Allah glaubt, wird dasselbe Schicksal erfahren", heiße es in dem Brief.

Die Rebellen hatten am Dienstag in der Stadt Patikul auf der südphilippinischen Insel sechs Mitglieder der Zeugen Jehovas entführt. Rund 2.000 Soldaten suchten in der Rebellenhochburg Jolo weiter nach den übrigen vier weiblichen Geiseln und den Körpern der Getöteten. Die Rebellen seien "Tiere und Barbaren", sagte Jolos Militärchef, Brigadegeneral Romeo Tolentino. In ihrem Drohbrief hätten sie die Tötung der Männer als "heiligen Krieg" gerechtfertigt. Die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo schickte Verteidigungsminister Angelo Reyes auf die Insel, während die Armee vier Bataillone auf die Kidnapper ansetzte. Bewohner Jolos berichteten am Morgen von Granatexplosionen und Kampfhubschraubern über der Region von Patikul.

Tausend US-Soldaten hatten die Philippinen vor drei Wochen wieder verlassen. Vorausgegangen war ein monatelanger Einsatz in der Rebellen-Hochburg Basilan an der Seite von 5000 einheimischen Soldaten. Die Gespräche über eine zweite Phase des Anti-Terror-Kampfes dürften nach den jüngsten Entführungen nun umso zügiger vonstatten gehen. Ohnehin sind noch 300 US-Soldaten auf den Philippinen stationiert, um philippinische Elitesoldaten auszubilden. Im Oktober sollen sie verstärkt werden. Die USA vermuten, dass die Abu-Sayyaf-Gruppe Verbindungen zum El-Kaida-Netzwerk des Extremistenführers Osama bin Laden unterhält. Auf den Philippinen hat sie eine weitere Front im Anti-Terror-Krieg aufgemacht. Die Sprecherin der US-Botschaft in Manila, Karen Kelley, betonte am Donnerstag, dass Gespräche mit Manila im Gange seien. "Wir bleiben in Konsultationen mit der philippinischen Regierung über den nächsten Schritt der Anti-Terrorismus-Zusammenarbeit", sagte sie.

Die neuen Entführungen seien eine willkommene Gelegenheit für die philippinische Armee, die Zusammenarbeit mit dem US-Militär zu rechtfertigen, sagt der Politologe Renato Cruz de Castro an der De La Salle-Universität von Manila. Unter Einheimischen wird die Allianz bisher heftig kritisiert, obwohl die Präsidentin nicht müde wird zu betonen, ohne US-Unterstützung werde das Land der islamistischen Extremisten nie Herr. Castro glaubt, dass die nächste Offensive gegen die Rebellen länger dauern wird: "Die Abu-Sayyaf-Gruppe auf Jolo ist eine härtere Nuss als die auf Basilan."

Die Rebellen operieren in kleinen Gruppen auf mehreren Inseln der Südphilippinen. Seit Jahrzehnten streben sie einen islamischen Staat in der Region von Mindanao an. Mitte der 90er Jahre entdeckten die Extremisten das lukrative Geschäft mit entführten westlichen Touristen, die sie gegen Lösegeldzahlungen in Millionenhöhe meist wieder freilassen. Aufsehen erregte die Entführung einer internationalen Touristengruppe im Sommer 2000, zu der die Göttinger Familie Wallert gehörte. Nach der Hinrichtung der US-Geisel Guillermo Sobero auf Basilan im vergangenen Jahr bat Macapagal Arroyo die USA um Unterstützung.

22.8.2002 16:02