Samstag, 24. August 2002

Geiselnahme in Wien-Meidling unblutig zu Ende

  • ÖBB-Mitarbeiter kam durch Zufall in Gewalt des Geiselnehmers
  • Großeinsatz der Polizei am Bahnhof Wien-Meidling

Kidnapping: Unblutig endeten Samstag Abend dramatische Szenen, die sich zuvor am Bahnhof Wien-Meidling im Rahmen einer Geiselnahme abgespielt hatten. Gegen 17.00 Uhr hatte der 31-jährige beschäftigungslose Harald B. aus Wien-Meidling einen 54-jährigen ÖBB-Bediensteten in seine Gewalt gebracht und stundenlang festgehalten. Er wurde von der Polizei schließlich gegen 21.30 Uhr zur Aufgabe überredet. Verletzt wurde niemand.

Den Hintergrund für die Tat dürften Probleme mit einer Freundin dargestellt haben. Sie hatte dem Mann "gestanden", nach einem handgreiflichen Streit eine Nacht bei drei Männern verbracht zu haben und dabei missbraucht worden zu sein. Dies erklärte am Sonntag Dr. Hannes Scherz vom Wiener Sicherheitsbüro.

"Der Täter wird im Laufe des Tages einvernommen. Nach den bisherigen Erhebungen hat Harald B. vor rund drei Monaten eine 28-jährige Frau kennen gelernt. Mit der Beschäftigungslosen ist es am Dienstag vergangener Woche zu einer Auseinandersetzung gekommen. Bei einer Handgreiflichkeit erlitt die Frau eine Platzwunde am Kopf und wurde verarztet", schilderte Scherz den offenbaren Beginn der Affäre, die Samstag Nachmittag eskalierte.

B. hatte nie einen echten Beruf erlernt. Er lebte bei seinen Eltern und von deren Zuwendungen. Der Mann sprach auch dem Alkohol zu. Nachdem er die 28-jährige Wienerin kennen gelernt hatte, verkehrte er mit ihr öfters im "Cafe Kevin" am Bahnhof Wien-Meidling. Scherz: "Nachdem die Frau im Spital gewesen war, kam sie in dieses Lokal zurück. Dort hatte sie Kontakt mit drei Männern. Schließlich ging sie offenbar mit ihnen mit." Die Nacht wurde gemeinsam verbracht. Alkohol war im Spiel. Was dabei geschah, blieb zunächst unklar.

Jedenfalls traf die Frau am nächsten Tag erneut mit ihrem Bekannten zusammen. Dabei "gestand" sie diesem offenbar, dass die Männer sie bewusstlos gemacht und missbraucht hätten. Dieser Verdacht ließ Harald B. auf Rache sinnen. Am Samstag marschierte er mit einem alten Revolver bewaffnet, der sich im Haushalt seiner Eltern befunden hatte, zu dem Bahnhofslokal. Dort hielt sich auch einer der drei Männer auf, von denen seine Bekannte berichtet hatte. Es handelte sich dabei um einen gewissen "Sami" (34), ein in Wien wohnhafter gebürtiger Tunesier.

"Sami" lief davon. Harald B. stürzte aus dem Lokal, um den Mann zu suchen. Dabei kam er in einen daneben gelegenen Aufenthaltsraum von Angehörigen des Reinigungsdienstes der ÖBB. Dort saß durch Zufall der 54-jährige Josef D. aus Wien-Meidling. "Jetzt wird's ernst", erklärte B., nachdem er zuvor die Fenster des Raumes verdunkelt hatte. Scherz: "Er fürchtete offenbar, die Polizei würde in den Raum hineinschießen. Als "Verdunkelung" hatten Jacken und Mäntel gedient, die in dem Aufenthaltsraum abgelegt worden waren.

Scherz: "In dem Raum, nicht aber zuvor in dem Bahnhofslokal, kam es auch zur Abgabe eines Schusses. Harald B. feuerte in die Wand. Er verlangte nach seiner Bekannten und nach Bier. Gegenüber seiner Geisel erklärte er aber auch sinngemäß: 'Tut mir leid. Aber du bist meine Geisel wegen der Polizei.'"

Sofort nach dem ersten Alarm war auf dem Bahnhof eine groß angelegte Polizeiaktion angelaufen. Die Exekutive war mit rund 100 Mann im Einsatz. Polizeipräsident Peter Stiedl übernahm das Kommando. Speziell geschulte Beamte versuchten den Kidnapper zum Aufgeben zu überreden. Freundin und dessen Mutter wurden an den Schauplatz der Geiselnahme geholt.

Scherz: "Der Mann ist im Laufe der Zeit immer nervöser geworden. Schließlich konnte er aber zur Aufgabe gebracht werden." Harald B. verließ den Raum, in dem er die Geiseln genommen hatte, legte sich davor auf den Boden und ließ sich widerstandslos festnehmen. Er wurde ins Wiener Sicherheitsbüro gebracht. Der ÖBB-Mitarbeiter wurde psychologisch betreut.

24.8.2002 19:05