Deutsche Telekom vor Neuausrichtung
- Schuldenabbau steht im Vordergrund
- Minus bis Juni über den 3,5 Mrd. € des Gesamtjahres 2001
Nach Informationen des Magazins "Focus" hat die Telekom im ersten Halbjahr den bisher höchsten Fehlbetrag ihrer Firmengeschichte erzielt. Demnach fiel allein durch die Einbeziehung der US-Mobilfunktochter VoiceStream von Jänner bis Juni ein Fehlbetrag von rund 3 Mrd. Euro an. Der Telekom-Vorstand gibt die Halbjahreszahlen kommenden Mittwoch in Bonn bekannt.
Hinzu kommt laut "Focus" ein außerordentlicher Verlust in Höhe von 600 Mio. Euro, da die Telekom die Anteile am Konkurrenten France Télécom neu bewertet hat. Unter dem Strich habe der Konzern damit im ersten Halbjahr den Rekordverlust des Gesamtjahres 2001 von 3,5 Mrd. Euro übertroffen. Die T-Aktie hatte am Freitagabend an der Börse um 3,29 Prozent im Plus geschlossen und kostete 11,00 Euro.
Aktie weit unter dem Ausgabekurs
Obwohl Ex-Telekom-Chef Ron Sommer seit gut vier Wochen nicht mehr an der Spitze des größten europäischen Telekommunikationsunternehmens steht, blieb die große Wende bisher aus. Auch mit Interims-Chef Helmut Sihler, dem 72-Jährigen ehemaligen Aufsichtschef des Bonner Riesen, dümpelt die T-Aktie zwischen 10 und 12 Euro weit unter ihrem Ausgabekurs (14,57 Euro) von 1996. "Man muss die Dinge langfristig sehen", macht Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) den T-Aktionären Mut.
Gesamtes Kapital verloren
Die Ungeduld der T-Aktionäre wächst: Viele haben binnen zwei Jahren wegen des dramatischen Kursverfalls der T-Aktie praktisch ihr gesamtes eingesetztes Kapital verloren. Sie hoffen jetzt auf einen Neuanfang. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel: "Mit Sihler und seinem Stellvertreter Gerd Tenzer erwarte ich nicht viel", meint Werner Stäblein von der Frankfurter BHF-Bank. Neben den Halbjahreszahlen werden in Bonn möglicherweise auch erste Schritte zur forcierten Konsolidierung bekannt gegeben und damit Kurskorrekturen einleiten. "Revolutionäre Dinge werden nicht angekündigt", prophezeit Stäblein. Tatsächlich ist der Pensionär Sihler um seinen Job nicht zu beneiden. "Einen solchen Tanker wie die Telekom kann man nicht mit einem Schwenk in die andere Richtung bringen", meint der Investmentbanker Rolf Drees von der Union Investment in Frankfurt. Trotzdem erhoffen sich die Aktionärsvertreter vom neuen Vorstand klare Aussagen darüber, wohin die Reise künftig geht. Im Vordergrund steht der Abbau der drückenden Schuldenlast von 65 Mrd. Euro. Neben France Télécom gehört der graue Riese zu den am höchsten verschuldeten Telekommunikationsunternehmen in Europa.
Schuldenabbau hat Priorität
Auch Sihler hat sich den Schuldenabbau auf die Fahnen geschrieben. Bis 2003 will die Telekom "nur" noch mit 50 Mrd. Euro bei ihren Geldgebern in der Kreide stehen. "Das ist unser festes Ziel. Und wir werden es erreichen", beteuerte Sihler unlängst in einem Interview. Schließlich würden hierdurch die Zinszahlungen um rund eine Milliarde Euro verringert. Es müsse das Ziel der Telekom sein, aus den Verlusten zu kommen. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern erstmals mit 3,5 Mrd. Euro tiefrote Zahlen geschrieben. Maßnahmen zur Kostenersparnis hatte der Vorstand bereits unter Sommer eingeleitet: Dazu zählen der Abbau von mehr als 20.000 Stellen vor allem in der Festnetzsparte (T-Com) in den kommenden zwei Jahren und Kürzungen von Investition. Außerdem soll der Werbeetat zusammen gestrichen werden. Gleichzeitig sollen der geplante Verkauf des TV-Kabelnetzes und von Immobilien weitere Milliarden-Erlöse bringen. Den größten Brocken verspricht sich die Telekom indes vom Börsengang der Mobilfunksparte. Über den Zeitpunkt besteht aber Ungewissheit.
Keine großen Neuigkeiten
Alles nichts Neues, meint Telekom-Analyst Stäblein zu den Einspar- Plänen. Auch anhaltende Gerüchte um einen möglichen Ausstieg aus dem US-Geschäft oder ein Zusammengehen mit Konkurrenten hält er für fehl am Platz: "Jeder schreit und brüllt Fusion, doch keiner macht sich Gedanken darüber, ob das überhaupt finanzierbar ist." Immer mehr wird klar, solange kein Nachfolger für Sommer gefunden ist, bleibt die Neuausrichtung Stückwerk. Sihler könne schließlich keine großen Deals einfädeln, die sein Nachfolger anschließend ausbaden müsse. "Das Unternehmen ist in einer Sackgasse eingeparkt, da kommt man so schnell nicht wieder raus", umschreibt Investmentbanker Drees die Lage.


