US-Notenbank lässt Leitzinsen unverändert
- Zinssatz mit 1,75 % auf niedrigsten Stand seit 40 Jahren
- Warnung vor Gefahren einer weiteren Konjunkturabschwächung

Die US-Notenbank (Fed) hat am Dienstag erwartungsgemäß die Leitzinsen unverändert auf dem niedrigsten Stand seit gut 40 Jahren gelassen. Zugleich warnte sie aber erstmals seit März wieder vor den Gefahren einer weiteren Konjunkturabschwächung, worin Analysten ein Signal für eine mögliche Zinssenkung im Jahresverlauf sehen. Der entscheidende Zielsatz für Tagesgeld liegt seit dem 11. Dezember bei 1,75 Prozent. US-Präsident Bush zeigt sich indes optimistisch: Die Wirtschaft ist seiner Ansicht nach auf dem richtigen Weg. Die Vorstands- und Finanzchefs der größten US-Aktiengesellschaftenen müssen bis heute abend schriftliche Garantieerklärungen zur Bilanzwahrheit ablegen.
Die Fed erklärte nach den Beratungen ihres geldpolitischen Ausschusses (FOMC) in Washington, für die "überschaubare Zukunft" gebe es das Risiko einer weiteren wirtschaftlichen Abschwächung. Dabei verwies sie auf die erhöhte Unsicherheit im Zuge der jüngsten Kursverluste an den Aktienmärkten und der Ungereimtheiten bei den Konzernbilanzierungen.
Spekulationen über erneute Senkung
Nahezu alle Experten hatten mit unveränderten Zinsen gerechnet. An den Finanzmärkten war zuletzt spekuliert worden, die Fed könnte angesichts der weiter schwachen US-Konjunktur und der Talfahrt der Aktienbörsen möglicherweise noch einmal die Leitzinsen senken. Die US-Aktienkurse gaben im Verlauf nach, während die Staatsanleihen anzogen. Der Dollar reagierte kaum zum Euro. Analysten sprachen von "durchwachsenen Nachrichten" für die Märkte.
Die Nachfrage der Verbraucher und Unternehmen sei vor allem wegen der jüngsten Schwäche an den Finanzmärkten und der Unsicherheit im Zuge von Bilanzskandalen weiter schwach geblieben, erklärte die Fed. Allerdings gingen von dem günstigen geldpolitischen Umfeld und dem robusten Produktivitätswachstum positive Signale aus.
Volkswirte erkannten in der Warnung der Fed vor einer weiteren wirtschaftlichen Abschwächung ein Signal dafür, dass die Notenbank in den kommenden Monaten grundsätzlich zu weiteren Zinssenkungen bereit ist. Seit März hatte die Fed nach Lesart der Analysten eine neutrale geldpolitische Haltung eingenommen und nach ihren Sitzungen erklärt, Konjunktur- und Inflationsrisiken hielten sich die Waage.
Vorbereitung auf Rezession?
Mit Blick auf die Abkehr von dieser bisherigen Fed-Haltung sagte Peter Cardillo von Global Partners Securities, die Notenbank halte offenbar ein erneutes Abgleiten der US-Wirtschaft in eine Rezession für möglich. "Deshalb bereiten sie uns auf eine Zinssenkung bis zum Jahresende vor, wenn sich die Dinge nicht bessern." Mary Ann Hurley von D.A. Davidson & Co hält bereits im September eine geldpolitische Lockerung für möglich.
Noch vor kurzem hatten die meisten Volkswirte angesichts der kräftigen Belebung des US-Konjunktur zu Jahresbeginn eher mit einer baldigen Zinserhöhung gerechnet. Doch nach einer ersten Schätzung hat die US-Wirtschaft im zweiten Quartal so stark an Fahrt verloren, dass sich auf das Jahr hochgerechnet beim Bruttoinlandsprodukt nur noch ein Plus von 1,1 Prozent ergab nach 5 Prozent im ersten Quartal. Auch andere Konjunkturdaten signalisierten zuletzt, dass die Erholung der weltgrößten Volkswirtschaft von der Rezession Anfang 2001 nur noch schleppend verläuft.
Bush zeigt sich optimistisch
Unterdessen sieht US-Präsident George W. Bush die US-Wirtschaft auf einem guten Weg. "Der Trend geht in die richtige Richtung, aber es ist noch viel zu tun", sagte Bush am Dienstag auf einem nach einer Serie von Krisennachrichten einberufenen Wirtschaftsforum in Waco (Texas). "Obwohl die Zeiten jetzt ziemlich rau sind: Wir sind Amerika. Ich bin ungeheuer optimistisch über die Zukunft unseres Landes, weil ich die Stärke des Landes kenne."
"Stunde der Wahrheit"
Für die Vorstands- und Finanzchefs der größten amerikanischen Aktiengesellschaften schlägt derweil an diesem Mittwoch die Stunde der Wahrheit. Bis zum Abend (Ortszeit) müssen sie bei der amerikanischen Wertpapier- und Börsenkommission SEC erstmals schriftlich "nach bestem Wissen" beschwören, dass der letzte Jahresbericht und andere wichtige Unternehmensunterlagen keine Unwahrheiten enthalten. Bei Falschaussagen drohen den Managern bis zu 20 Jahre Gefängnis und Geldstrafen von bis zu fünf Millionen Dollar (5,11 Mio Euro).
Von der neuen SEC-Regel sind insgesamt 947 Aktiengesellschaften mit Jahresumsätzen von mehr als 1,2 Milliarden Dollar betroffen. Bis Montagabend hatte die SEC nach eigenen Angaben erst 225 eidesstattliche Erklärungen erhalten.

