Samstag, 17. August 2002

Vergessener Krieg in Tschetschenien - neue Opfer

  • Zweite Friedensinitiative seit 1999 hat wenig Unterstützung
  • Kleine Kaukasus-Republik kämpft gegen Russlands Armee

Vom Krieg in Tschetschenien ist meist nur am Rande die Rede. Aber er fordert einen hohen Blutzoll. Allein jetzt, von Donnerstag bis Sonntag, sind auf beiden Seiten mindestens sechzig Menschen getötet worden. Trotzdem: Nur wenige sind an einer Friedenslösung interessiert. "Diese Frage kann nur mit Gewalt geregelt werden", sagte kürzlich Außenminister Iwanow.

Bei Explosionen und Schießereien sind am Sonntag mindestens zehn Menschen getötet worden. Drei Polizisten starben bei einer Granatenexplosion, zwei weitere wurden bei einer Minenexplosion getötet. Drei Zivilisten und ein Polizist wurden in einem Lastwagen in Schali erschossen aufgefunden. Am Samstag sind mindestens neun russische Soldaten ums Leben gekommen. Zehn weitere wurden verletzt. Ähnliche Opferzahlen fordern die Gefechte schon seit Donnerstag - täglich.

Russland im Boot des Westens
Nach Jahren fehlender Orientierung hat Russland nach dem 11. September 2001 eine feste außenpolitische Linie gefunden. Präsident Wladimir Putin signalisierte frühzeitig seine Unterstützung für den amerikanischen Kampf gegen den Terrorismus. Schließlich wisse Russland, was Terrorismus bedeute. Damit verwies Putin auf die Probleme im eigenen "Hinterhof" in Tschetschenien und auf die mutmaßlichen tschetschenischen Drahtzieher der Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Moskau und anderen Städten zwei Jahre zuvor. Der einsame Rufer in der Taiga, der stets vor den Gefahren des Terrorismus - wenn auch stets mit Blick auf Tschetschenien - gewarnt hatte, sah sich plötzlich erhört.

Die Unterstützung Moskaus wurde in Washington gerne angenommen, und als Folge hat Russland sich im Boot des Westens einen festen Platz gesichert. Und die westliche Kritik am oft brutalen Vorgehen der russischen Streitkräfte gegen einen technisch weit unterlegenen Gegner und seine zivilen Unterstützer verstummte.

Ein Versuch zu Friedensgesprächen
Zur Wiederbelebung der seit einem Jahr ins Stocken geratenen Friedensgespräche für Tschetschenien ist ein früherer ranghoher russischer Regierungsvertreter mit einem tschetschenischen Unterhändler zusammengetroffen. Iwan Rybkin, der ehemalige Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats, sprach in Zürich mit Achmed Sakajew, einem Unterhändler von Rebellenführer Aslan Maschadow.

Der Ministerpräsident der prorussischen, von Moskau eingesetzten "Regierung" in Tschetschenien, Stanislaw Iljasow, kritisierte das Treffen.

Rybkin erklärte, bei dem Gespräch sei es um eine Rückkehr zu einer Vereinbarung vom Ende des ersten Tschetschenienkriegs gegangen. Dieser Vereinbarung zufolge sollte in fünf Jahren über den Status der Kaukasusrepublik entschieden werden. Rybkin erklärte, er hoffe, bald den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu treffen und ihm über das Treffen zu berichten. Der Krieg sei in vielerlei Hinsicht eine humanitäre Katastrophe und müsse rasch beendet werden.

Krieg: Nötig für inneren Zusammenhalt
Seit 1999 wurde erst ein einziges Mal der Versuch unternommen, den Konflikt friedlich beizulegen. Die Chancen dafür stehen schlecht. Durch den internationalen Krieg gegen den "Terrorismus" hat Moskau jetzt auch mehr Rückenwind in diesem Konflikt. Und Russland braucht ihn, um innenpolitischen Zusammenhalt zu erzeugen.

17.8.2002 15:39