Freitag, 9. August 2002

Wieder Terror gegen Christen in Pakistan

  • Krankenschwestern in christlicher Augenklinik getötet

Beim zweiten Terroranschlag gegen Christen in Pakistan innerhalb einer Woche sind am Freitag drei Krankenschwestern getötet und 20 ihrer Kolleginnen verletzt worden. Sie hatten eine christliche Augenklinik in Taxila 40 Kilometer westlich der Hauptstadt Islamabad überfallen. Die Täter warfen Handgranaten auf die pakistanischen Krankenschwestern, die nach einem Gottesdienst aus einer Kapelle kamen.

Auch einer der drei Angreifer kam ums Leben.

Das Motiv der Mörder war zunächst unklar. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass Moslemextremisten aus Wut über die US-Angriffe in Afghanistan gegen Christen in Pakistan vorgehen. Die Regierung sowie führende Vertreter der moslemischen Mehrheit und der christlichen Minderheit in Pakistan verurteilten den Anschlag.

Klinik behandelt Arme umsonst
Die Augenklinik in Taxila ist sehr beliebt, weil sie Arme umsonst behandelt. Sie war 1929 von Missionaren gegründet worden. Der Direktor, Ashche Naz Lall, sagte, die drei Angreifer hätten den unbewaffneten Wachmann am Tor zum Krankenhaus in ihre Gewalt gebracht. "Die anderen warfen Handgranaten auf die Gläubigen, die aus der Kapelle neben dem Tor kamen. Die Krankenschwestern gingen voran", sagte Lall. Einer der Angreifer wurde nach Angaben der Polizei von einem Granatsplitter tödlich im Rücken getroffen.

"Dies wird von einer Kette von Terroristen begangen. Wir müssen sie bekämpfen", sagte der pakistanische Tourismusminister S. K. Tressler. Er gehört selbst zur christlichen Minderheit, die weniger als zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Informationsminister Nisar Memon kündigte an: "Wir werden den Terrorismus in all seinen Formen bekämpfen."

Shahbaz Bhatti, der Anführer der "Christlichen Befreiungsfront", sagte, derartige Angriffe seien eine Reaktion militanter Islamisten und der Taliban auf die US-Angriffe in Afghanistan. Auch der Vorsitzende der Partei Jamaat Islami, Hussain Ahmad, verurteilte den Anschlag. "Christen haben friedlich in Pakistan gelebt. Subversive Elemente spielen mit solchen Attacken unseren Feinden in die Hände", sagte Ahmad.

Angriff auf christliche Schule am 5. August
Es ist bereits der zweite Angriff auf christliche Einrichtungen in dem mehrheitlich moslemischen Staat in dieser Woche. Am Montag hatten maskierte Männer eine christliche Schule für die Kinder von Mitarbeitern ausländischer Hilfsorganisationen attackiert. Dabei waren sechs Pakistais getötet worden. Der Überfall war der sechste Angriff auf Ausländer oder westlich orientierte Einrichtungen in Pakistan in diesem Jahr. Zweimal waren Kirchen das Ziel der Angriffe. Im Jänner war der US-Journalist Daniel Pearl in der Wirtschaftshauptstadt Karachi verschleppt und später ermordet worden. Bei vier weiteren Anschlägen zwischen März und Juni kamen insgesamt 31 Menschen ums Leben, unter ihnen elf Franzosen. Vor knapp zwei Monaten war vor dem Gebäude der US-Botschaft ein mit Sprengstoff gefülltes Auto explodiert und hatte zwölf Pakistaner getötet. Zuletzt geriet im Juli eine Touristengruppe unter Granatenbeschuss; dabei wurden sieben Deutsche leicht verletzt.

Italien schloss Visa-Abteilung der Botschaft
Als Reaktion auf den Anschlag am Freitag schloss das italienische Konsulat im südpakistanischen Karachi auf unbestimmte Zeit seine Visastelle. Als Grund wurden Sicherheitsbedenken angegeben. Nach dem Angriff auf die Schule am Montag hatten bereits die USA ihr Konsulat in Karachi geschlossen. Die australische Cricket-Mannschaft sagte am Freitag kurzfristig ihre Tournee durch Pakistan ab.

Attentat auf einen Offizier
In der Stadt Quetta (Provinz Belutschistan) ist am Freitag ein Attentat auf einen ranghohen Offizier verübt worden. Die Polizei erklärte, die Angreifer hätten von einem Motorrad aus auf Brigadegeneral Bartar Hussain Naqvi geschossen und ihn schwer verletzt. Naqvi erlitt Schusswunden am Hals und war in kritischem Zustand. Die Schützen entkamen. Zu ihrem möglichen Motiv wollte sich die Polizei nicht äußern. Naqvi ist Mitglied der schiitisch-moslemischen Gemeinschaft, die in der Vergangenheit häufig von rivalisierenden Suniten angegriffen wurde.

9.8.2002 14:18