Prozess um Fortuyn-Attentat begann ohne Angeklagten
- Staatsanwalt präsentiert neues Beweismaterial
- PLUS: Chronologie des Mordfalls Pim Fortuyn zum Durchklicken!
·DIE BILDER
Mord an Rechts- populisten Fortuyn
·Chronologie
Politische Morde in Europa seit 1986
Gut drei Monate nach der Ermordung des niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn hat die Staatsanwaltschaft neues Beweismaterial präsentiert. Der Mordanschlag auf den niederländischen Politiker Fortuyn am Abend des 6. Mai ist nach Einschätzung des Staatsanwalts von dem mutmaßlichen Attentäter Wochen lang geplant worden. Als der 33 Jahre alte Volkert van der Graaf schließlich vor dem Rundfunkzentrum in Hilversum geschossen habe, habe der Politiker keine Chance gehabt. Schüsse in die Brust, in die rechte Halschlagader und ins Gehirn seien sofort tödlich gewesen, berichtete der Ankläger am Freitag beim Beginn des Prozesses in Amsterdam.
Der Angeklagte, der aus Protest gegen seine Haftbedingungen seit mehr als vier Wochen im Hungerstreik ist, war nicht zur Verhandlung gekommen. Er folgte dem Geschehen vom Untersuchungsgefängnis aus über die erste Direktübertragung des niederländischen Fernsehens aus einem Gerichtssaal. Bisher hat er bei allen Vernehmungen die Aussage verweigert. Ein Termin für den Prozessbeginn steht noch nicht fest.
Für Staatsanwalt Koos Plooy steht die Täterschaft des Angeklagten eindeutig fest. Kurz nach den tödlichen Schüssen auf Fortuyn wurde er in der Nähe des Tatorts festgenommen. Dabei wies er die Polizisten selbst auf die entsicherte Pistole in seiner Tasche hin. Sie stellte sich bei späterer Untersuchung als die Tatwaffe heraus. Drei Zeugen hätten den Angeklagten zwischen der Tat und seiner Festnahme an einer Tankstelle in der Nähe verfolgt und stets im Auge behalten. Auf der Kleidung des radikalen Tierschutzaktivisten van der Graaf, auf seinen Latex-Handschuhen und auf der Waffe seien Blutspuren des Opfers gefunden worden, betonte der Anklagevertreter weiter. Auch Lagepläne und PC-Aufzeichnungen aus dem Besitz von der Graafs beinhalten Verdachtsmomente.
Trotz dieser Erkenntnisse beantrage er mehr Zeit für weitere Entwicklungen, betonte Staatsanwalt Plooy. So müsse unter anderem die Herkunft der Tatwaffe untersucht werden. Auf ihr waren DNA-Spuren gefunden worden, die auch bei einem Delikt im Dezember 2001 eine Rolle gespielt hatten. Nach Justizangaben sollen die DNA-Spuren von einem inzwischen verhafteten Mann stammten. Sie seien vielmehr identisch mit der DNS eines Mannes, der wegen eines minderschweren Delikts einsitze. Die Ermittler befassten sich daher nun mit der These, ob der mutmaßliche Mörder Komplizen hatte.
Bei den Ermittlungen im Mordfall Fortuyn sei jedoch kein Hinweis aufgetaucht, dass van der Graaf mit anderen zusammengearbeitet habe, betonte der Ankläger. Entsprechende Verschwörungs-Spekulationen hatten sich verstärkt, nachdem die von Fortuyn gegründete Partei LPF neun Tage nach dem Attentat einen großen Erfolg bei der Parlamentswahl errungen hatte. Mit 26 der 150 Sitze in der Volksvertretung ist sie inzwischen zusammen mit Christdemokraten und Liberalen an der neuen Regierung beteiligt.
Rechtsanwalt Steijn Franken bestätigte, dass sein Mandant auf sein Anraten keine Aussagen mache. Mit seinem seit 29 Tagen andauernden Hungerstreik protestiere er gegen seine 24-Stunden-Überwachung durch Infrarotkameras. Das Publikumsinteresse an dem ersten Verhandlungstag, bei dem es nach niederländischem Recht vor allem um die Verlängerung der Untersuchungshaft geht, war überraschend gering. Die Zuhörerplätze waren kaum besetzt. Dagegen waren Journalisten und TV-Crews in großer Zahl anwesend. Der Mord an Fortuyn nur wenige Tage vor der Parlamentswahl hatte landesweit großes Entsetzen ausgelöst. Die Bevölkerung verfolgte auch seine Überführung und Beerdigung in Italien mit viel Anteilnahme.
Familiendrama in St. Pölten14:39
Bluttat: Bub ist totÄrzte kämpften erfolglos: Achtjähriger Bub nach Kopfschuss gestorben
