Mittwoch, 7. August 2002

Eine Million Informanten gegen Kolumbiens Guerilla

  • Umstrittener Plan von Präsident Uribe - UNO will vermitteln
  • 21 Menschen bei Anschlag getötet; Rebellen stellen Forderungen

Nach seiner von Gewalt überschatteten Amtseinführung hat der neue kolumbianische Präsident Álvaro Uribe Vélez am Donnerstag einen umstrittenen Plan vorgelegt, wonach er im Kampf gegen die Guerilla eine Million Informanten in der Zivilbevölkerung rekrutieren will. Die UNO erklärte ihre Bereitschaft, in dem Konflikt zwischen den linken FARC-Rebellen und der Regierung weiter eine Rolle als "ehrlicher Makler" zu spielen.

Die FARC forderte die Wiedererrichtung einer entmilitarisierten Zone im Süden des Landes als Voraussetzung für Friedensgespräche. Die Zahl der Toten nach den Anschlägen vom Mittwoch stieg auf 21.

Die Kolumbianer seien aufgerufen, mit dem Militär zusammenzuarbeiten, um die "gewalttätige Minderheit" zu besiegen, sagte Uribe bei der Vorstellung seines Informanten-Projekts in Anwesenheit der ersten 600 freiwilligen Zuträger. Seine Regierung werde mit Härte und Entschlossenheit gegen die Rebellen vorgehen. Bei Menschenrechtsorganisationen weltweit waren die Pläne auf Kritik gestoßen.

21 Tote während Amtseinführung
Während Uribes Amtseinführung waren am Mittwoch in Bogota mehrere Granaten abgefeuert worden. Dabei starben nach Behördenangaben vom Donnerstagabend (Ortszeit) 21 Menschen, weitere rund 70 wurden verletzt. Die Polizei machte die FARC-Guerilla für den Anschlag verantwortlich.

Die UNO erklärte sich bereit, in dem Konflikt weiter die Rolle des "ehrlichen Maklers" zu spielen. Dies habe UNO-Generalsekretär Kofi Annan Uribe in einem Telefongespräch angeboten, sagte Annans Sprecher Fred Eckhard. Der Präsidialpalast in Bogota hatte zuvor mitgeteilt, die UNO seien zu einer Vermittlerrolle in dem Konflikt bereit, um den Dialog zwischen der linksgerichteten FARC-Guerilla und der Regierung wieder in Gang zu bringen.

Rebellen wollen nicht als 'Terroristen' gelten
Die Guerilla wiederholte unterdessen ihre Bedingungen, unter denen sie zu Friedensgesprächen mit Uribe bereit wäre. Laut einer im Internet veröffentlichten Erklärung fordert die FARC vor allem den Rückzug des Staates aus den südlichen Provinzen Caqueta und Putumayo und die Überlassung eines 117.000 Quadratkilometer großen Gebietes. Eine ähnliche entmilitarisierte Zone von 41.000 Quadratkilometern Grundfläche hatte die Vorgängerregierung ihr mehr als drei Jahre lang bis zum Abbruch der Friedensgespräche im Februar als "Friedenslabor" überlassen. Zudem fordern die Rebellen, dass sie nicht mehr als Terroristen bezeichnet werden. Die Regierung soll sich verpflichten, die rechten Paramilitärs der AUC aufzulösen. Die gleichen Bedingungen hatte die FARC bereits Mitte Mai gestellt.

Uribe hatte als Nachfolger des bisherigen Präsidenten Andres Pastrana Arango ein hartes Vorgehen gegen die Rebellen angekündigt. Seit seinem Wahlsieg im Mai verstärkten die linksgerichteten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) ihre Gewaltaktionen im ganzen Land. In Kolumbien werden mittlerweile jedes Jahr etwa 23.000 Menschen getötet. In keinem anderen Land der Welt werden so viele Menschen entführt - im Durchschnitt sind es rund 3000 im Jahr. Seit 1964 kamen bei den Kämpfen zwischen linken Rebellengruppen, ultrarechten Paramiltärs und der Armee mehr als 200.000 Menschen ums Leben.

Uribe "militärisches Ziel"
Mit seinem Versprechen, härter als die bisherigen Regierungen gegen die Rebellen vorzugehen, hatte Uribe die Präsidentenwahl Ende Mai mühelos im ersten Wahlgang gewonnen. Dafür erklärten ihn die FARC zu einem "militärischen Ziel". Die FARC sind mit 17.000 Männern, Frauen und Kindern unter Waffen die größte Rebellengruppe des Landes.

Uribe war im April einem Anschlag entgangen. Im Februar waren die Friedensgespräche zwischen der Regierung und den Rebellen der FARC gescheitert. In dem seit 38 Jahren andauernden Bürgerkrieg kämpfen linke Rebellen gegen die Armee und rechte paramilitärische Gruppen. Allein im vergangenen Jahrzehnt sind dabei rund 40.000 Menschen getötet worden.

7.8.2002 08:18