Harald Wolf erbt Gregor Gysis Stuhl und viele Probleme

Es gibt Fotos, auf denen Harald Wolf aussieht wie der jüngere Bruder von Gregor Gysi. Ins Gespräch vertieft legen beide Männer mit dem ernsten Gesicht und der Brille nachdenklich eine Hand ans Kinn. Parteifreunde - einer wie das Spiegelbild des anderen. Das Bild aus der Zeit der rot-roten Koalition täuscht. Die beiden Männer gleichen sich nur äußerlich ein wenig. Auf den Inhalt kommt es an.
Harald Wolf hält den Haushaltsplan für "das spannendste Buch über Berlin". Gregor Gysi ist der Mann für rote Teppiche und wäre eigentlich lieber Kultursenator geworden. Wolf tritt ein schwieriges Erbe an. Was dem PDS-Star an Fachkompetenz fehlte, glich er durch große Popularität und Kontaktfreude aus. Wolf wird keines von beidem nachgesagt. Am 29. August soll der 45-Jährige im Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt werden. In einer Mischung aus Unsicherheit und Trotz sagt er, dass er eine größere Schuhgröße habe als Gregor Gysi: "Aber ich trage einfache schwarze Lederschuhe - ohne Lack." Vieles will er besser machen, der zurückhaltende Finanzpolitiker, der die Zahlenkolonnen des Berliner Haushalts angeblich aus dem Effeff beherrscht. Doch aus dem Schatten eines Vorgängers wie Gysi herauszutreten, würde selbst einem geborenen Show-Talent schwer fallen.
Bei den Westberliner Grünen ist der studierte Politologe und ehemalige Trotzkist 1990 ausgetreten, weil er nicht mehr viel von ihrer Realpolitik hielt. Seit elf Jahren sitzt er für die PDS im Abgeordnetenhaus. Parteimitglied wurde er aber erst 1999. Mit der Nominierung zum Wirtschaftssenator ist er endgültig in der harten wirtschaftspolitischen Wirklichkeit der Hauptstadt angekommen. Der gebürtige Hesse aus Offenbach am Main arbeitete nach dem Diplom als Politologe 1981 zunächst als Schreibkraft und jobbte Ende der 80er Jahre als wissenschaftlicher Angestellter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Später arbeitete er als freier Publizist. Berliner Unternehmer drücken sich freundlich aus, wenn sie sagen, diese Vita erfülle sie mit "Misstrauen".
Auch aus der Politik bekommt Wolf schon Gegenwind. Die SPD-Linken lasten ihm an, er habe die umstrittene Risikoabsicherung der Berliner Bankgesellschaft mitgetragen. "Alle Abgeordneten einschließlich Wolf, wussten, dass damit Risiken übernommen werden, für die das Land nicht wirklich haften musste", sagt die Sprecherin des linken SPD-Flügels, Gerlinde Schermer. Auf über 70 Milliarden Euro bezifferte Wolf im Wahlkampf 2001 den Berliner Schuldenberg: "Westberliner Filz und Misswirtschaft haben die Stadt an den Rand ihrer Existenz getrieben." So könne es nicht weitergehen, teilte der Westberliner seinen Wählern im Ostberliner Wahlkreis Lichtenberg damals mit. Jetzt kann er selbst entscheiden, wie weiter.
Am Morgen nach der Nominierung kommt Wolf in Fahrt, wenn er vom "kreativen Potential" Berlins und von einer "Straffung der Verwaltung" spricht. Investoren soll in Zukunft in Berlin unnötiger Papierkrieg erspart bleiben. Eine einzige Anlaufstelle, die One-Stop-Agency, soll den Unternehmen den Weg in die Hauptstadt weisen. Ideen hat er noch einige mehr. Wolf wird viel Zeit im Büro verbringen. Kinder, denen er fehlen könnte, hat er nicht, aber eine Lebensgefährtin.
Unter vier Augen soll der designierte Wirtschaftssenator sehr charmant sein. Aus der Fraktion heißt es zu seiner Kommunikationsfähigkeit diplomatisch: "Er hat einen anderen Stil als Gregor Gysi, aber einen sehr angenehmen." Auch in Sachen Kleidung muss er noch üben. "Ich bin kein Freund von Krawatten, aber ich trage gelegentlich eine", kommentiert er Kritik an seinem Kleidungsstil: "Wobei ich ein Problem habe: Ich habe den Senatoren das Krawattengeld gestrichen."
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