Dienstag, 6. August 2002

Erste große Panne bei Strichcode-Erfassung in Japan

  • Japan-Register: Vom Mensch zur 11stelligen Nummer
  • Überwachungsstaat: 80% sind gegen das "Juki Net"!

Vom Mensch zum elfstelligen Nummern-Code. In Japan bereits passiert: Dort nahm die Regierung ihr heftig kritisiertes Computer-Netzwerk "Juki Net" in Betrieb. Jetzt sind es genau elf Ziffern, die aus jedem Bürger einen gläsernen Menschen machen. Und die erste große Panne gibt es auch schon: Die Daten von zahlreichen Japanern wurden irrtümlich an Privathaushalte geschickt.

Mit den neuen Codes sind die Daten jedes Japaners jederzeit abrufbar. Das ist sogar den technologiebegeisterten Asiaten zu viel: Sie haben Angst vor der totalen Überwachung! Was kann "Juki Net" noch? Jeder Bürger wird zentral registriert und kann an jedem Ort des Landes identifiziert werden.

Erste Panne nach nur zwei Tagen
Nur zwei Tage nach dem Start des umstrittenen landesweiten Registrierungssystems der Staatsbürger in Japan hat es die erste Datenpanne gegeben. Persönliche Angaben von knapp 2.600 Bürgern wurden an die falschen Adressaten gesandt, wie ein Sprecher der Regionalregierung von Osaka am Mittwoch erklärte. Die Information ging an Haushalte in der Stadt Moriguchi.

Die Briefe enthielten zwar die Kontrolldaten für die betroffenen Haushalte, zusätzlich aber auch Identifikationsnummern, Geschlecht und Geburtsdatum weiterer Personen. Die Namen dieser anderen Personen waren allerdings nicht enthalten. Bürgermeister Hiromi Kita entschuldigte sich für die Panne.

Das neue Datensystem vernetzt die bisherigen Gemeinderegister. Es versorgt die Behörden mit Name, Adresse, Geschlecht und Geburtsdatum der Japaner und ordnet jedem Bürger eine elfstellige Identifikationsnummer zu. Die Gegner des Datensystems fürchten, dass es stärkere Eingriffe in die Privatsphäre ermöglichen könnte. Einige Gemeinden weigerten sich, ihre Daten in das landesweite Netz einzuspeisen.

Zehn Euro für Chipkarte
Für zehn Euro kann jeder Japaner eine Chip-Karte mit seinen Daten erhalten. Diese soll er künftig beim Arzt, in der Stadtbücherei oder in der Straßenbahn benutzen können. Der Staat könnte theoretisch bequem Aufenthaltsort und Konsumverhalten der Japaner nachvollziehen. Die Regierung in Tokio verfolgt mit dem System nach eigenen Angaben aber ein anderes Ziel. Sie will vor allem die Effizienz der Verwaltung erhöhen. Die öffentliche Hand könne mit dem System jährlich rund 100 Millionen Euro sparen, glauben die Initiatoren.

Wütende Proteste und Drohbriefe
Interessenverbände wurden gegründet, ganze Gemeinden sperrten sich gegen die Pläne. Ministerpräsident Junichiro Koizumi fand einen mit Schrotkugeln gefüllten Drohbrief auf seinem Schreibtisch. Absender war ein radikaler Nummerncode-Gegner. "Bei der BSE-Krise wurden unsere Kühe mit zehnstelligen Nummern versehen", sagte ein Sprecher des Registrierungs-Gegner. "Für die Beobachtung der Menschen hängen sie nun einfach eine Ziffer an."

80% lehnen Nummerncode-Registrierung ab!
80% der Japaner sind gegen "Juki Net". Auch in Yamatsuri, einer kleinen Küstenstadt im Norden von Tokio, sperren sich die Menschen gegen die Pläne: Die rund 7.300 Einwohner des Ortes erklärten, aus Datenschutzgründen nicht an dem Projekt teilnehmen zu wollen. Die Stadtverwaltung erhielt knapp 200 E-Mails von Menschen, die gerne nach Yamatsuri ziehen würden. Hunderte weitere Zuschriften ermunterten die Stadt bei ihrem Protest. Auch der Bürgermeister von Tokio hat sich gegen das System ausgesprochen.

300 Millionen Euro hat die Regierung in das Projekt investiert. Ministerpräsident Koizumi denkt nicht an einen Stopp des seit Jahren vorbereiteten Projekts. Für die Proteste einzelner Gemeinden hat er nur Kopfschütteln übrig. Die Menschen müssten sich eben damit abfinden, dass sich die Welt im Zeitalter des Internets und der Informationtechnologie befindet, beschied der Regierungschef seinen Kritikern ungerührt.

6.8.2002 13:41