Samstag, 3. August 2002

"Chaostage" der Punk-Szene in München ausgeblieben

  • 110 Punker in Gewahrsam

Die befürchteten "Chaostage" in München sind lediglich eine Drohung der Punk-Szene im Internet geblieben. Das ganze Wochenende über waren in der Stadt kaum Punks zu sehen. Zu den von der Szene angekündigten Verwüstungen kam es bis Sonntagmittag nicht. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) zog in einer Bilanzpressekonferenz am Sonntag eine durchwegs positive Bilanz des Polizeieinsatzes in und um München.

Die bayerische Linie der "Deeskalation durch Stärke" habe sich "erneut hervorragend bewährt", erläuterte Beckstein. "Statt einer Spur der Verwüstung und zahlreichen Opfern, wie sie andere Städte mit Chaostagen erleben mussten, gab es in München ein ruhiges Augustwochenende ohne Verletzte, ohne die geringsten Schäden und ohne Zusammenstöße von Punks mit der Polizei." Zuletzt war es bei "Chaostagen" in Hannover 1995 und 1996 zu gewalttätigen Krawallen gekommen. 1995 lieferten sich Punks und Polizisten viertägige Straßenschlachten mit hunderten Verletzten auf beiden Seiten.

Wegen der "Chaostage" in München waren rund 1.500 Polizeibeamte aus dem gesamten Freistaat sowie aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg angerückt, um Ausschreitungen zu verhindern. Der ersten Bilanz zufolge wurden fast 500 Punker auf den Zufahrtswegen gestoppt und zur Umkehr bewegt. Knapp 600 weitere mutmaßliche "Chaostage"-Teilnehmer erreichten München, wurde aber wieder aus der Stadt verwiesen. "Der Szene ist die Lust ausgegangen", sagte der Leitende Polizeidirektor Jens Viering. "Es war nicht so, dass niemand nach München wollte."

124 Punks wurden in Gewahrsam genommen, ein Großteil von ihnen war aber bis Sonntagvormittag wieder auf freiem Fuß. Neun Punker wurden wegen Verstößen gegen das Waffengesetz, Diebstahls, Beleidigung und Drogenbesitzes festgenommen. Insgesamt hatte die Polizei in und um München mehr als 1.800 Personen kontrolliert.

Bei den "Chaostagen" handelt es sich mittlerweile bereits um eine Tradition: 1982 rief eine Gruppe um Karl Nagel alias "Meister des Chaos" die "Chaostage" ins Leben. Anlass war die Einführung einer so genannten Punker-Kartei bei der Polizei in Hannover: Der damalige Polizeipräsident von Hannover, Gottfried Walzer, hatte für August 1982 eine Meldepflicht für alle Dienststellen angeordnet. Danach sollten alle Erkenntnisse über Punker unverzüglich der zentralen Nachrichten- und Auswertungsstelle der Kriminalinspektion 7 des Staatsschutzes mitgeteilt werden. Grund genug für die nun Beobachteten, aus Protest ein Treffen in der niedersächsischen Landeshauptstadt abzuhalten.

Seitdem hat sich die Chaoten-Demonstration immer mehr zu einer "sportiven Auseinandersetzung" mit der Polizei entwickelt. Die Punker sehen sich nach eigenen Angaben dann als "Sieger nach Punkten", wenn der Polizeieinsatz möglichst teuer und die Bemühungen der Polizei, die Treffen zu verhindern, möglichst aussichtslos waren. Unter die teilnehmenden Punker mischten sich jedoch zunehmend andere gewaltbereite Gruppen wie Skinheads und Hooligans.

3.8.2002 08:46