Montag, 22. Juli 2002

Tower-Projekt: Bangen um Wiens Welterbe-Prädikat

  • Bildungsministerium befürchtet Aberkennung durch die UNESCO
  • DURCHKLICKEN: Chronologie des Streits um Wien-Mitte!

Im Bildungsministerium befürchtet man, dass die Wiener Innenstadt von der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO gestrichen werden könnte. Dies dann, sollten die Hochhäuser in Wien-Mitte wie geplant errichtet werden. "Von den insgesamt 730 Stätten war bisher noch keine Einzige von einer Streichung betroffen. Ich fürchte, dass man an Wien ein Exempel statuiert", sagte Hans Horcicka, für das Weltkulturerbe zuständiger Beamter im Bildungsministerium.

Aus seiner Sicht wäre es "blamabel, wenn das wegen ein paar Stockwerken dort passieren sollte". Er appellierte an die Verantwortlichen der Stadt Wien und der Bauträger, doch noch eine gütliche Lösung für eine Verkleinerung der bis zu 97 Meter hohen Hochhäuser zu finden. Eine "einigermaßen neue Gestaltung" der Bahnhofsüberbauung, die Wien das Weltkulturerbe-Prädikat erhalte, müsse möglich sein, so Horcicka.

Bei der letzten Sitzung des von 21 Staaten beschickten Welterbe-Komitees Ende Juni in Budapest habe er miterlebt, dass vor allem bei Vertretern nicht europäischer Länder Unmut über Wien herrsche: "Es wurde moniert, dass alle mit dem Finger darauf zeigen würden, wenn das in einem Entwicklungsland passiert." Vertreter dieser Länder hätten im Komitee die Mehrheit, sagte Horcicka: "Dass die dann sagen, 'bitte, so nicht', kann durchaus sein."

UNESCO weiß schon lang von dem Projekt
Er unterstrich allerdings, dass die UNESCO schon bei der Einreichung Wiens über das Wien-Mitte-Projekt und den wirtschaftlichen Druck für die Realisierung unterrichtet worden sei: "Wir haben das nie verheimlicht." Bei der Aufnahme Wiens in die Welterbe-Liste am 13. Dezember des Vorjahres in Helsinki habe man das Überdenken der Höhenentwicklung in Wien-Mitte auch nicht zur Bedingung gemacht, sondern ausdrücklich nur empfohlen, betonte der Beamte.

Es liege nun jedenfalls an Wien, die bei der Sitzung in Budapest geäußerten Bedenken des Welterbekomitees auszuräumen. Die endgültige Entscheidung über eine mögliche Aberkennung oder das Setzen auf die "Rote Liste" der gefährdeten Stätten werde vermutlich im Juni 2003 bei einem Treffen des Komitees in China fallen. Den Standpunkt von ICOMOS-Präsident Michael Petzet, der im Namen dieses UNESCO-Fachbeirats für eine Aberkennung des Welterbe-Prädikats bei Realisierung der Hochhäuser plädiert hatte, sollte man dabei nicht unterschätzen, sagte Horcicka: "Die UNESCO hält sich üblicherweise an diese Empfehlungen."

Hochhäuser sind schon genehmigt
Für die Stadt Wien und die Hochhäuser, für deren Errichtung bereits die Baubewilligung vorliegt, sieht der Beamte in der Zwischenzeit mehrere Optionen. "Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht von 'Jetzt erst recht wird gebaut' über 'Schauen wir, was passiert' bis zu 'Wir wollen Welterbe bleiben und bauen deswegen ein bisschen weniger hoch'", meinte Horcicka.

22.7.2002 18:01