Freitag, 19. Juli 2002

Machtwechsel bei AOL Time Warner

  • Aktionärs-Klage nach Bilanzierungsvorwürfen

Beim weltgrößten Medienkonzern AOL Time Warner zeichnet sich ein Machtwechsel zu Gunsten der alten Time-Warner-Elite ab. Ein führender Manager des Online-Dienstes America Online, Robert W. Pittman, der bisher als "Chief Operating Officer" für die Tagesgeschäfte des Gesamtkonzerns verantwortlich war, räumt seinen Posten.

Das Geschäft wird künftig in zwei Hauptsparten unterteilt, die beide von Time-Managern geleitet werden sollen. Zugleich beschworen jüngste Vorwürfe von Bilanzierungstricks eine Sammelklage gegen den Medien-und Internetriesen herauf.

Pittman werde ausscheiden, wenn ein neuer Chef bei America Online (AOL) im Amt ist, teilte der Konzern mit. Pittman hatte zuletzt wieder persönlich versucht, das Ruder beim weltgrößten Online-Dienst umzureißen, der unter zunehmender Konkurrenz anderer Breitbandanbieter, einem schwachen Anzeigengeschäft und niedrigem Kundenzuwachs leidet.

AOL hatte Anfang vergangenen Jahres auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase der "New Economy" den Medienriesen Time Warner für gut 100 Mrd. Dollar (99,4 Mill. Euro) übernommen. Die Geschäfte des fusionierten Konzerns liefen bisher nicht sonderlich gut. Unter anderem führte der Kursverfall an den Börsen zu gewaltigen Abschreibungen, die im ersten Quartal 2002 im höchsten Verlust der US-Geschichte von 54,24 Mrd. Dollar gipfelten. Aktionäre drängten auf Veränderungen.

Den beiden neuen Säulen des Konzern stehen Time-Manager vor. Don Logan wird Verwaltungsratsvorsitzender der neuen Medien-und Kommunikationsgruppe von AOL Time Warner. Darin werden America Online, der Großverlag Time Inc., die Time Warner Cable, der Buchverlag AOL Time Warner Book Group und die Interactive Video-Sparte eingegliedert. Logan war bisher Verwaltungsrats-Vorsitzender und Chef des riesigen Magazinverlags Time Inc.

Jeff Bewkes, der bisher die Kabelfernsehfirma HBO geleitet und zu einem ganz wichtigen Mitspieler der US-Fernsehszene gemacht hatte, wird Verwaltungsratsvorsitzender der neu gebildeten Unterhaltungs-und Netzwerk-Gruppe. Dort werden neben HBO auch die Filmstudios New Line Cinema und Warner Bros., das Kabelnetz Turner Networks und die Musikfirma Warner Music eingegliedert.

Logan und Bewkes werden direkt Konzernchef Konzernchef Richard D. Parsons unterstellt. Beide Männer gehören wie Parsons zur alten Time-Warner-Elite.

Aktionäre klagen wegen Gerüchten
Wegen angeblicher Bilanzierungstricks reichte unterdessen eine US-Anwaltsfirma eine Klage gegen AOL Time Warner ein. Sie vertrete Aktionäre von America Online und AOL Time Warner. In der Klage wird behauptet, AOL habe seine Online-Werbeeinnahmen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2001 künstlich durch Anzeigen aufgebläht, die die Firma 24dogs.com kaufen musste, um einen Rechtsstreit beizulegen. AOL Time Warner habe auch seine Einnahmen mit dem Verkauf von Online-Anzeigen für die Online-Auktions-Site E-Bay künstlich erhöht, heißt es in der Klage.

Zeitungsbericht als Urheber
Die Klage stützt sich auf einen Bericht der "Washington Post" vom Donnerstag. Die Zeitung hatte das Volumen der von ihr geprüften Transaktionen auf 270 Mill. Dollar beziffert. AOL wollte nach Angaben der Zeitung sein rasantes Werbe- und Kommerzeinnahme-Wachstum beibehalten. AOL habe die Einnahmen durch eine Serie "unkonventioneller Deals" von 2000 bis 2002 vor und nach der Fusion zwischen AOL und Time Warner erhöht, hatte die Zeitung behauptet. Der Konzern hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

19.7.2002 15:47