Freitag, 19. Juli 2002

FORMAT: Euro-Höhenflug mit Absturzgefahr

  • Die Österreicher glauben an den harten Euro
  • Plus: Die Effekte für die Konsumenten!

Am 15. Juli war die EU-Währung erstmals seit Februar 2000
soviel wert wie ein Dollar. Und der Kurs des Euro steigt weiter. Bald, prophezeien Ökonomen, werden sich die Österreicher nach einem schwachen Euro sehnen. Denn die Gefahren einer starken Währung auf dem Weltmarkt sind nicht zu unterschätzen.

Mai 2000: Ein Euro ist ganze 87 US-Cent wert. Wim Duisenberg, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), wendet sich zerknirscht an die dreihundert Millionen Bürger des Euroraums: "Ich verstehe, daß Sie besorgt über den Verfall des Eurokurses sind." Die Zeitungen verhöhnen die Europawährung als "Weichei" und "Camembert-Geld".

Seit 15. Juli ist alles anders. An diesem Tag war ein Euro erstmals seit Februar 2000 wieder genausoviel wert wie ein Dollar. Wim Duisenberg strahlt, Europas Zeitungen applaudierten. "Der Euro zieht mit dem Dollar gleich", "Danke, Euro!", oder einfach "1:1!" titelten sie – als gelte es, ein Fußballergebnis zu bejubeln.

Große Begeisterung
Die Begeisterung ist auf den ersten Blick berechtigt: Ein steigender Euro verringert die Preissteigerung in Europa. Zehn Prozent Eurokurssteigerung bringen einer Untersuchung der Deutschen Bank zufolge eine um zwei Zehntelprozentpunkte niedrigere Inflationsrate. In Österreich werde sie 2002 im Jahresdurchschnitt deutlich unter zwei Prozent sinken, erwartet das Wirtschaftsforschungsinstitut.

Unbegründete Euphorie
Vor lauter Begeisterung über den Ausgleich im ökonomischen Match Europa gegen USA werden freilich die Nachteile eines hohen Eurokurses ignoriert. "Ich kann die Euphorie über den Eurohöhenflug der vergangenen Tage in keiner Weise nachvollziehen", konstatiert Wifo-Konjunkturexperte Markus Marterbauer.

Denn die Gründe für den Euro-Höhenflug sind seiner Meinung nach weniger in der Stärke des Euro als in der Schwäche der US-Wirtschaft zu sehen: Auslöser des Euroaufschwungs beziehungsweise des Dollarabsturzes, darin sind sich sämtliche Ökonomen einig, waren die Bilanzierungsskandale bei WorldCom und anderen US-Konzernen.

Wirtschaftskrise?
"Wenn der Euro weiter steigt und die europäische Wirtschaftspolitik nicht reagiert, droht eine veritable Wirtschaftskrise, die einiges mit jener der dreißiger Jahre gemeinsam haben könnte", betätigt sich Wifo-Währungsexperte Stephan Schulmeister als Eurokassandra. Denn Europa allein sei nach wie vor nicht in der Lage, die Weltwirtschaft aus dem Konjunkturtal zu ziehen.

Auch wenn nicht alle Ökonomen so schwarz sehen: Die Gefahr, daß der allseits bejubelte Eurohöhenflug einen Konjunkturabsturz auslösen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn eine Euroaufwertung um 10% verringert einer Studie zufolge das Wirtschaftswachstum in Europa um einen ganzen Prozentpunkt. Denn ein höherer Eurokurs vermindert die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen. Das kostet die Firma Österreich laut Wifo immer noch mindestens 15 Milliarden Euro.

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19.7.2002 10:30