Indisches Parlament bestimmt neuen Staatspräsidenten
- "Vater des Raketenprogramms" Favorit für Präsidentenamt
- A. P. J. Abdul Kalam soll als 3. Moslem 1. Mann im Staat werden
In Indien wurde am Montag der elfte Staatspräsident seit Einführung der republikanischen Staatsform im Jahr 1950 gewählt. Nachfolger des scheidenden Amtsinhabers Kocheril Raman Narayanan dürfte der "Vater des indischen Raketenprogramms", der 71-jährige Avul Pakir Jainulabdeen Abdul Kalam, werden. Seine Kandidatur wird von allen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten unterstützt, die die 87-jährige ehemalige Freiheitskämpferin Lakshmi Sehgal aufgestellt haben.
Wahlberechtigt waren die 776 Abgeordneten der beiden Häuser des Bundesparlaments und die 4.120 Mitglieder der Parlamente der 28 Unionsstaaten. Die offizielle Bekanntgabe des Wahlergebnisses wird für Donnerstag erwartet. Angelobung und Amtseinführung finden am 25. Juli statt.
Premierminister Atal Behari Vajpayee und Finanzminister Jaswant Singh, sowie die Chefin der oppositionellen Kongresspartei, Sonia Gandhi, waren unter den Ersten, die am Montag im Parlamentsgebäude von Neu-Delhi ihre Stimme abgaben. Kalam ist Kandidat der Regierungskoalition, wird aber auch von der Kongresspartei unterstützt. Da Vajpayees nationalistische Hindupartei Bharatiya Janata (BJP) und ihre Koalitionspartner in fast allen Länderparlamenten die Mehrheit haben, galt die Abstimmung als Formsache. Die Linken kontrollieren nur in zwei Unionsstaaten die Volksvertretungen: West-Bengalen und Tripura.
In der Person von Kalam erhält die Indische Union - nach Zakir Hussein (1967-69) und Fakhruddin Ali Ahmed (1974-77), die beide während ihrer Amtszeit verstarben - ihr drittes moslemisches Staatsoberhaupt. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Wissenschafter wird als unpolitischer Technokrat betrachtet, dem der Erfolg mit seinem Raketenprogramm zu Gute gehalten wird. Der Ingenieur ist der Meinung, dass es wegen des Besitzes von Nuklearwaffen bei den jüngsten Spannungen mit Pakistan nicht zum Krieg kam. Seine einzige Konkurrentin Sehgal kann auf eine sechs Jahrzehnte lange politische Arbeit zurückblicken. Sie ist Ärztin, Kommunistin und war Freiheitskämpferin gegen die britische Kolonialherrschaft.
Der indische Präsident hat im Allgemeinen hauptsächlich repräsentative Pflichten und kann nur auf Vorschlag der Bundesregierung tätig werden. Doch in Fällen, in denen durch Zersplitterung der Parteien eine Regierungsbildung schwierig wird, kann der Präsident ein entscheidendes Wort mitreden.
Kalam war als Militärwissenschafter im Bereich der Verteidigungs- und Raumfahrtsforschung tätig, bis er 1999 zum wichtigsten wissenschaftlichen Berater von Premier Vajpayee aufrückte. Bei seiner Nominierung im Juni vertrat er die Ansicht, nur die Angst vor einem nuklearen Holocaust hätte in den vergangenen Wochen den Kriegsausbruch zwischen Indien und Pakistan verhindert. Im Falle eines Atomkrieges könnten nach amerikanischen Schätzungen acht bis zwölf Millionen Menschen umkommen. Die blutigen Unruhen in der geteilten Kaschmir-Region hatten die beiden Staaten an den Rand eines Krieges gebracht.
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