Freitag, 19. Juli 2002

NEWS: Schüssel brüskiert Japans Kaiser

  • Bundeskanzler nahm am Staatsbankett für Tenno nicht teil
  • Schüssel-Wunsch nach Privataudienz wurde abgeschmettert

Alle waren da und schüttelten den Majestäten die Hände: die Schönen, Reichen und Mächtigen – Künstler, Banker, Medienmacher, Diplomaten, Spitzenbeamte und Politiker. Nur Wolfgang Schüssel – der Kanzler der Republik – fehlte. Der ließ die Präsidentschaftskanzlei wissen, dass er bereits auf Urlaub und daher zum offiziellen Staatsbankett (Bild) "nicht da" sei.

Mit gleicher Begründung hatte sich auch Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer entschuldigt: Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko tafelten daher vergangenen Montag ohne die Spitzen der Bundesregierung. Ein japanischer Journalist aus der Entourage des Tenno: "Ein derartiger Eklat ist den kaiserlichen Majestäten noch nie passiert. Der Vorfall schlägt hohe diplomatische Wellen, die bis nach Tokio reichen."

In diplomatischen Kreisen hatte es sich längst herumgesprochen, dass Wolfgang Schüssel mit dem Bundespräsidenten nicht kann. Dass der Kanzler aber auch dem Tenno die Ehre verweigern wollte, wurde in Japan als unverzeihbare Beleidigung gewertet. Der Tenno höchstpersönlich soll, heißt es, um die Anwesenheit der Regierungsspitze gebeten haben.

Ähnlich gelagerte Fälle sind längst Geschichte: Schüssel hatte, nur um seinen Partei-"Freund" Thomas Klestil zu ärgern, sich schon zuvor geweigert, an den Staatsbanketten zu Ehren des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder des jordani- schen Königs Abdullah teilzunehmen. Sowohl Putin als auch Abdullah fühlten sich schwer brüskiert – was bei Schüssel nur wenig Eindruck hinterlassen hat. Er verweigerte dem Tenno die Anwesenheit beim Staatsbankett.

Schüssel hatte Privataudienz beantragt
Akihito und Michiko gelten als Freunde Österreichs und seit 1999, dem ersten Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Japan, auch als persönliche Freunde von Thomas und Margot Klestil. Schüssel wollte seine ganz persönlichen Kanäle öffnen: Unter Ausnutzung diplomatischer Beziehungen ließ er die japanische Botschaft in Wien wissen, dass er an einer Privataudienz mit dem Kaiserpaar – am günstigsten im offiziellen Logis der Majestäten im Wiener Hotel Imperial – sehr interessiert wäre.

Des Kanzlers Wunsch drang prompt bis zum japanischen Kaiserhof, wo er auf Empörung stieß: Einem Premierminister, der dem göttlichen Tenno die offizielle Reverenz verweigere und der sich mit Klestil, dem Freund des Kaisers, nicht an einen Tisch setze, müsse auch jedes private Gespräch mit den Majestäten verwehrt bleiben. Und prompt wurde Schüssels Wunsch auf Geheimaudienz beim Kaiserpaar von Japan abgeschmettert. Und zwar, wie die mitreisenden (mehr als 100) japanischen Journalisten hämisch berichten, "durchaus mit Wissen und Zustimmung des Kaisers".

Thomas Klestil war über den Schüssel-Eklat sichtlich entsetzt. Sein Gesichtsausdruck entsprach während des gesamten Kaiserbesuchs seiner Stimmungslage. Über dem Ballhausplatz ziehen wieder düstere Wolken auf.

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19.7.2002 11:11