Vor 75 Jahren brannte in Wien der Justizpalast
- 99 Tote nach "Schandurteil" im Schattendorf-Prozess

Demonstranten versammeln sich in der Stadt. Die Polizei reitet Attacken gegen die Menschen. Die Demonstranten bewaffnen sich, sie stürmen ein öffentliches Gebäude und zünden es an. Die Polizei schießt: 82 Demonstranten und Unbeteiligte brechen tot zusammen. Das klingt wie Szenen aus einem Krisengebiet. Aber es geschah in Wien - heute vor 75 Jahren.
Am 15. Juli 1927, heute vor 75 Jahren, brannte der Justizpalast in Wien. Nach dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen die sozialdemokratischen Arbeiter gab es bis zum nächsten Tag fast 100 Tote - 94 Arbeiter und fünf Polizisten.
Bis in die 70er-Jahre hinein war der Brand des Justizpalastes lebendige Erinnerung in der österreichischen politischen Landschaft. Erst jetzt droht der Vorfall ins Dunkel der Geschichte abzugleiten.
Der Schattendorf-Prozess
Auslöser der blutigen Zusammenstöße war der Schattendorf-Prozess. In der burgenländischen Gemeinde hatten rechtsradikale Frontkämpfer das Feuer auf marschierende Sozialdemokraten eröffnet. Sie töteten einen Schulbuben und einen Kriegsinvaliden. Vor dem Geschworenengericht wurden die Täter einstimmig freigesprochen. Nicht einmal "Notwehrüberschreitung" wurde den aus dem Hinterhalt schießenden Frontkämpfern angelastet.
Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen und Sozialdemokraten waren damals an der Tagesordnung. Die Täter von rechts kamen regelmäßig glimpflich davon. Aber erst der besonders gravierende Fall von Schattendorf brachte die Arbeiter auf die Straße.
Gewalt eskalierte
Am 15. Juli, dem Tag nach der Urteilsverkündung, marschierten sozialistische Arbeiter von den Wiener Außenbezirken in die Innenstadt. Berittene Polizei ritt mit gezogenem Säbel Attacken gegen die bis dahin weitgehend friedlichen Demonstranten. Die Menge bewaffnete sich mit Knüppeln, Brettern und Bau-Krampen und drängte in den Justizpalast, den sie in Brand steckte.
Um 14 Uhr ließ die Regierung Polizeischüler aufmarschieren, die Gewehrfeuer auf die Menge eröffneten. Es gab mehr als 80 Tote und Hunderte Verletzte auf Seiten der Demonstranten, darunter auch Unbeteiligte. Nachts und am Tag darauf kam es zu mehreren Schießereien in den Straßen Wiens, sodass schließlich 94 tote Arbeiter und fünf tote Polizisten zu beklagen waren.
1934: Bürgerkrieg
Die Kluft zwischen den Lagern wurde immer tiefer. Es sollte aber noch drei Jahre dauern, bis die Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Republikanischem Schutzbund (1933 verboten) einerseits und Christlichsozialen und Heimwehr bzw. der Regierung andererseits eskalierten. Der bewaffnete Bürgerkrieg vom 12. bis 15. Februar 1934 war die Folge.
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