FORMAT: ÖBB-Chef Vorm Walde droht die Ablöse
Die ÖBB werden komplett umgebaut: in eine Holding mit selbständigen Töchtern. Schon im Herbst soll das nötige Gesetz stehen. ÖBB-Chef vorm Walde droht die Ablöse zu Jahresende, die er nun durch eine Offensive abwenden will.
Auf den ersten Blick scheint Rüdiger vorm Walde wie geschaffen für die Rolle des unerbittlichen Generals in einem Kriegsepos. Er wirkt hart und unnahbar. In Wirklichkeit ist der 56jährige ÖBB-Chef ein geradliniger und feiner Mensch. Und das ist derzeit sein Problem.
Vor allem bei Finanzminister Karl-Heinz Grasser fiel vorm Walde gänzlich in Ungnade, weil er mit den Eisenbahnern 2,9 Prozent Lohnsteigerung aushandelte, was den Personalaufwand der ÖBB – inklusive Nebenkosten – um über vier Prozent erhöht: um jährlich 100 bis 110 Millionen Euro.
Exakt ein Jahr nach seinem Amtsantritt steht Rüdiger vorm Walde im Kreuzfeuer der Kritik. Sein Job als oberster Lokführer wackelt. Er hat nur noch zirka drei Monate Zeit, die Weichen umzulegen und ein paar richtig dicke Brocken anzupacken: etwa das Konzept zur Personalkostensenkung oder die Vorbereitung der neuen ÖBB- Konzernstruktur. Die Bilanzpräsentation nächste Woche ist noch die leichteste Übung: Umsatz und Gewinn sind marginal gestiegen.
Vorm Walde selbst lassen die Attacken erstaunlich kalt. Der Deutsche, der von den Berliner Verkehrsbetrieben kam, verweigert sich standhaft dem österreichischen Politdschungel. Geheimdiplomatie und das Spinnen von Netzwerken sind seine Sache nicht – ein durchaus gewinnender Charakterzug, der "VW", wie er ÖBB-intern zuweilen genannt wird, aber isoliert. Vorm Walde sagt: "Ich gehe meinen Weg. Ich muß nicht jedermanns Liebkind sein." Den umstrittenen ÖBB-Gehaltsabschluß kommentiert er trocken: "Aus anderem Blickwinkel kann man das kritisieren. Aus meiner Sicht würde ich auch im nachhinein nichts daran ändern."
Ob vorm Walde den Fight übersteht, entscheidet sich bis zum Spätherbst. Die Gründung der neuen ÖBB-Holding könnte der Anlaß sein, ihn abzulösen. Mathias Reichhold sagt: "Er bleibt Generaldirektor – unter der Bedingung, daß er die Vorgaben umsetzen kann." Der Finanzminister forciert eher einen Wechsel an der Bahnspitze. Grasser war immer dafür, Ex-ÖBB-Chef Helmut Draxler zu halten. Vorm Walde bringen auch Gerüchte nicht aus der Ruhe: "Setzt sich die Meinung durch, daß ich nicht zum Unternehmen passe, sehe ich kein Problem. Es geht um die ÖBB, nicht um mich. Ich bin ein sehr freier Mensch und habe einen Vertrag." Der läuft noch vier Jahre und würde eine Vertragsablöse von 2,3 Millionen Euro (32 Millionen Schilling) bringen.


