Mittwoch, 10. Juli 2002

Sklaverei: Weltweite Zunahme durch Armut

  • 30 Mio. Sklaven weltweit

Weltweit ist Sklaverei verboten - und doch arbeiten tatsächlich Millionen von Menschen rund um den Globus in völliger Abhängigkeit oder Knechtschaft. Angaben der Organisation Anti-Slavery International zufolge erwirtschaften sie jährlich auf 13 Milliarden US-Dollar (13,23 Mrd. Euro) geschätzte Werte.

Die Zahl der neuen Sklaven und Sklavinnen wird auf annähernd 30 Millionen geschätzt, wenn man Sklaverei im engen Sinne als unbezahlte wirtschaftliche Ausnutzung unter vollständiger und gewaltsamer Kontrolle der Lebensbedingungen versteht. Im weiteren Sinne, etwa einschließlich Zwangsrekrutierungen oder unterbezahlter Tätigkeit unter Zwang, ist auch die Rede von 200 Millionen Menschen.

Allein in der Schuldknechtschaft, dieser vielfach traditionellen Art Leibeigenschaft, leben in Indien, Pakistan, quer durch Nordafrika, in Südostasien sowie in Teilen Lateinamerikas bis zu 20 Millionen Menschen. Dies konstatiert einer der Autoren einer Sammlung von Berichten zum Thema "Sklaverei heute" in "der überblick. Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit" (Hamburg). Eine internationale Autorenschaft berichtet aus vier Erdteilen.

Was Schuldknechtschaft bedeuten kann, wird aus Indien am Fall eines zwölfjährigen Jungen geschildert. Seine mittellosen Eltern hatten ihn vor über sechs Jahren für einen Kredit von umgerechnet 162 Euro einer reichen Grundbesitzerfamilie überlassen. Obwohl er dort tagtäglich ohne Lohn arbeiten musste, konnte er den Kredit wegen des hohen Zinssatzes in dieser Zeit nicht tilgen.

Armut und Not als Ursachen
Auch hinter den meisten anderen Formen von Sklaverei stehen Armut und Not. Eine Folge der zunehmenden Globalisierung leistet dem Menschenhandel Vorschub. Organisierte Banden schaffen besonders Frauen und Kinder in reiche Länder, wo sie ausgebeutet werden. Mädchen aus verarmten Familien in Osteuropa werden mit Versprechen, etwa eines Internat-Stipendiums, angelockt und an Zuhälter in Westeuropa verkauft. Mit Drohungen und Gewalt werden sie an der Flucht gehindert.

Großes Problem: Prostitution
Ein anderer Autor verweist auf den besonders einträglichen Missbrauch von Minderjährigen für die Prostitution in Südostasien. Ihm zufolge dürfte der "Kaufpreis" eines 14-jährigen Mädchens für ein hauptsächlich Arbeitern dienendes Bordell in Thailand bei weniger als 800 US-Dollar liegen. Die Gewinnmargen, die "Eigentümer" solcher Mädchen erzielen, betragen bis zu 800 Prozent.

Auch in China ist inzwischen ein umfangreicher illegaler Handel mit Frauen und Kindern entstanden. Wie hoch die Zahl dieser Opfer organisierter Banden ist, "weiß niemand, es können mehrere Zehntausend oder sogar Hunderttausende sein, schätzen Experten", heißt es in einem Beitrag aus Peking. Einer der Gründe: In Armutsregionen findet kaum ein Mann eine Frau, die ihn heiraten will. Ferner sehnen sich viele Familien ohne Söhne nach einem Erben und Versorger im Alter. Auch die "Sexindustrie" hat sich in China mit der Lockerung staatlicher Kontrollen ausgebreitet.

Kinderhandel in Westafrika: 16 Euro für ein Kind
Einen anderen Charakter hat der Kinderhandel in Teilen Westafrikas. Auf ihn warfen im vergangenen Jahr Medienberichte über die Irrfahrt eines Schiffs mit mehr als 200 Kindern an Bord ein Schlaglicht. Sie "waren wie jährlich 200.000 andere Kinder in Afrikas modernem Sklavenhandel verkauft worden", heißt es dazu in einer Darstellung dieser Szene. Der Handel geht vor allem von ärmeren in reichere Länder. In Benin oder Mali kaufen Händler armen, bedürftigen Eltern ein Kind für umgerechnet gut 16 Euro ab und verkaufen es für rund 330 Euro in Gabun. Dort wird es, mit geändertem Namen, eine unbezahlte Arbeitskraft, etwa in einem Haushalt.

Auch in Haushalten der westlichen Welt gibt es nach verschiedenen Indizien Ausbeutung ähnlicher Art - meist illegal ins Land gelangter junger Menschen. Der US-Geheimdienst CIA schätzt, dass Menschenhändler jährlich 45.000 bis 50.000 Kinder und Frauen mit falschen Versprechungen in die USA schmuggeln.

Eine besondere Kategorie ist die Ausnutzung der Notlage männlicher Arbeitsloser etwa in Südamerika und China. Sie werden mit falschen Versprechen in Arbeitsverhältnisse gelockt und dort mit Gewalt festgehalten.

10.7.2002 08:55