Freitag, 5. Juli 2002

Karsai fordert engere Abstimmung der Militäreinsätze

  • Einsätze "dürfen nicht Bedrohung für die Bevölkerung werden"

Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat die USA am Donnerstag aufgefordert, ihre Militäreinsätze in dem asiatischen Land enger mit der Regierung in Kabul abzustimmen, um künftig Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Karsais Angaben zufolge waren bei einem Luftangriff der US-Streitkräfte Anfang der Woche etwa 46 Zivilisten getötet und 130 verletzt worden.

Die USA haben den Luftangriff auf ein afghanisches Dorf in der Nacht auf Montag damit begründet, dass sich dort hohe Funktionäre der radikal-islamischen Taliban versteckt gehalten hätten. Zudem seien die US-Streitkräfte dort beschossen worden. Augenzeugen berichteten dagegen, bei den Schüssen habe es sich um traditionelle Freudenschüsse einer Hochzeitsfeier gehandelt.

Die Vereinbarungen mit dem US-Militär sollten klar sein, forderte Karsai in Kabul. "Jede Operation muss mit dem afghanischen Verteidigungsministerium abgestimmt werden." Der Einsatz gegen den Terrorismus dürfe nicht zu einer Bedrohung der Bevölkerung werden. Schließlich habe die Mehrheit der Menschen in der betroffenen Region an vorderster Front gegen die Taliban und den Terrorismus gekämpft. Karsai kündigte an, bald die trauernden Familien in Urusgan zu besuchen. Das US-Militär sollte künftig keine Einsätze mehr anweisen, die nur auf Geheimdienstinformationen beruhen, mahnte er.

Ein US-Mitglied der eigens eingesetzten Untersuchungskommission sagte auf dem US-Stützpunkt Bagram, US-Maschinen seien mehrfach in dem Gebiet mit Flugabwehrkanonen beschossen worden. Ein Aufklärungstrupp habe daraufhin die Stellung mit Lasern markiert, um den US-Kampfflugzeugen am Montag einen punktgenauen Angriff zu ermöglichen, sagte US-Major Gary Tallman. Der Aufklärungstrupp habe vor dem Angriff einen Granatwerfer gesichtet.

Nachdem aber Afghanen dort auf die US-Soldaten aufmerksam geworden seien, hätten sie Frauen und Kinder um das Geschütz postiert, um es zu verdecken. Möglicherweise seien bei dem US-Angriff Frauen und Kinder getötet worden, weil sie in Häusern gewesen seien, in denen auch Luftabwehrwaffen gewesen seien. Die Region, in der das untergetauchte Taliban-Oberhaupt Mullah Mohammad Omar geboren sei, werde seit Beginn der US-Angriffe im Oktober beobachtet.

Der Untersuchungskommission gehören Vertreter des US-Militärs, zwei Minister der afghanischen Regierung und mehrere Stammesälteste an. US-Angaben zufolge hat sie beim ersten Besuch in der abgelegenen Ortschaft keine Hinweise auf größere Schäden gefunden. Tallman sagte, der Untersuchungskommission seien in den vergangenen zwei Tage nur fünf Gräber gezeigt worden. Er habe auch nur elf Verletzte in der betroffenen Region gesehen.

Dorfbewohner sagten, nach dem Angriff seien mindestens 30 Tote wie im moslemischen Kulturkreis üblich sofort begraben worden. Weitere Tote würden unter den Trümmern vermutet. In Kabul protestierten Dutzende verschleierte Frauen vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen gegen das US-Bombardement in Deh Rawud. Die Organisatoren der Demonstration erklärten, sie wendeten sich nicht gegen die US-Präsenz in Afghanistan. Allerdings seien sie dagegen, dass Zivilisten bombardiert würden.

5.7.2002 08:20