Montag, 24. Juni 2002

G-8: Wurzelsuche inmitten kanadischer Naturparks

  • Ideenaustausch im Bergnest Kananaskis

Zurück zu den Wurzeln, so könnte zumindest vom Ambiente und von der Organisation das Motto des diesjährigen G-8-Gipfels lauten: Schon mit der Wahl des Konferenzortes zeigen die sieben führenden Industriestaaten und Russland ihre neue Bescheidenheit. Das Nest am Fuße der Rocky Mountains inmitten weiter Naturschutzgebiete in der Provinz Alberta ist besonders bei Ökotouristen beliebt. Wo sich normalerweise Grizzlybären gute Nacht sagen, wollen die G8-Teilnehmer am Mittwoch und Donnerstag den Geist von Rambouillet wiederbeleben: 1975 fand bei Paris der Ursprungsgipfel statt - ein Ideenaustausch in kleiner Runde.

Dass gerade das malerische Kananaskis in Kanadas Westen den Zuschlag für den Gipfel bekam und nicht die Landeshauptstadt Ottawa, ist spätestens seit den schweren Ausschreitungen von Genua nicht verwunderlich. Für Gigantomanie und Protz wie Versailles (1982) und Denver (1997) ist das rund hundert Kilometer von Calgary entfernte Retortendorf kaum anfällig. Ein Lebensmittelladen ist zugleich Postamt, eine Gemeindeverwaltung gibt es nicht und genau genommen auch keine richtigen Einwohner - Kananaskis ist praktisch nur in der Saison bewohnt.

Die Organisatoren betonen denn auch die Schlupfwinkel-Atmosphäre. "Jede Delegation verfügt über 26 Zimmer", sagt Gipfelsprecher Michael O'Shaughnessy. In der Vergangenheit hätten dagegen tausende Teilnehmer hunderte Hotelzimmer belegt. Dies ist nun einfach nicht möglich: Das für die Olympischen Winterspiele 1988 aus dem Boden gestampte Kananaskis bietet ohnehin nur 450 Gästezimmer. Während die Spitzenpolitiker zusammenrücken, wird der Tross der weniger wichtigen Delegationsmitglieder in Calgary untergebracht. Das gleiche Schicksal teilen tausende Journalisten.


Demos in Ottawa und Calgary
Die Abgeschiedenheit bietet aus Sicht der Organistoren einen weiteren Vorteil: Demonstranten dürften nur schwer bis nach Kananaskis gelangen. Die Naturparks rings um den Ort werden einfach gesperrt und abgeriegelt, ein von den Globalisierungskritikern geplantes riesiges Zeltdorf wurde einfach nicht genehmigt. Nicht einmal die Indianer in der Umgebung von Kananaskis wollten die Zelte in ihrem Reservat dulden - angeblich sollen sie dafür von der Regierung Geld bekommen haben.

Also müssen die Globalisierungskritiker wohl oder übel ausweichen. Sie denken über Demonstrationen in der Hauptstadt Ottawa oder über Calgary nach. Die nächstgelegene Stadt bedeutet aber mindestens zwei Probleme: Sie ist rund hundert Kilometer von Kananaskis entfernt und hat angeblich keinen Platz für ein großes Zeltdorf. Die Organisatoren hätten sich einfach zu spät bei der Stadtverwaltung gemeldet, heißt es zur Begründung. Nun könne man auf die Schnelle nichts mehr organisieren.

24.6.2002 10:26