Türkei trotz WM-K.o nicht unzufrieden
- Am Samstag gegen Südkorea (13 Uhr) um Platz 3
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Alles aus. Ein Polizist sitzt auf seiner Wache und starrt still vor sich hin. Ein Blumenhändler lehnt an dem mit roten Rosen gefüllten Kofferraum seines Wagens und weiß, dass er jetzt wahrscheinlich keine einzige Blume verkaufen wird. Mit der türkischen Fahne geschmückte Autos stehen verlassen am Straßenrand. Menschen, die in die türkischen Nationalfarben Rot und Weiß gekleidet sind, gehen langsam durch die Straßen, stehen in kleinen Grüppchen herum und versuchen, sich gegenseitig zu trösten.
Istanbul am Mittwochnachmittag gegen 15.20 Uhr MESZ: eine Stadt wie in Trance. Die Türkei hat das WM-Halbfinale gegen Brasilien verloren, der Traum von einem Finale gegen Deutschland ist ausgeträumt. Die Straßen von Istanbul waren während der Begegnung gespenstisch leer - alle saßen gebannt vor dem Fernseher oder vor dem Radio.
Die meisten Türken hatten mit einem Sieg ihrer Mannschaft gerechnet und sich schon auf das Finale gegen Deutschland gefreut: Straßen und Plätze waren mit türkischen Fahnen und mit rot-weißen Luftballons und Bändern geschmückt, alles war bereit für die größte Party des Jahrzehnts. Gegen Deutschland - das wäre das Größte gewesen. Doch die euphorische Stimmung der Fans schlug nach dem Tor der Brasilianer in der zweiten Hälfte in Enttäuschung um. Als der brasilianische Stürmer Ronaldo traf, sackten viele vor dem Fernseher zusammen, gaben auf.
Und trotzdem: Das Bewusstsein, zu den vier besten Fußball-Nationen der Welt zu gehören, lindert den Schmerz der Fans doch beträchtlich. Auf dem Taksim-Platz im Zentrum von Istanbul ließen mehrere tausend Menschen die Nationalmannschaft trotz der Niederlage hochleben, sie schwenkten Fahnen und tanzten, es gab sogar einzelne Auto-Korsos. Doch viele, die zum Feiern auf den Taksim gekommen waren, machten sich unmittelbar nach Spielende niedergeschlagen auf den Heimweg. Auch in der Hauptstadt Ankara und in der westtürkischen Großstadt Izmir wurde gefeiert, doch auch dort war der Jubel eher verhalten.
Überall war der Stolz der Türken auf ihre Mannschaft spürbar, die selbst bei einer Niederlage im Spiel um den dritten Platz am Samstag gegen Südkorea bei der Rückkehr in die Heimat ein triumphaler Empfang erwartet. "Wir haben verloren, aber die Spieler sind jetzt die Champions unserer Herzen", sagt eine Frau. "Schon dass wir überhaupt in die WM gekommen sind, ist klasse", sagt ein Arbeitsloser. "Keiner glaubte daran, dass wir so weit kommen würden." Die Niederlage gegen Brasilien hat für ihn auch sein Gutes: "Wir sind bei der WM nicht von Europäern besiegt worden." Auch ein anderer Fan zählt auf: "Seht mal, die Italiener, die Franzosen, die Spanier - alle sind sie rausgeflogen, aber wir waren immer noch da."
Mit wachsender Begeisterung hatten die Türken in den vergangenen Wochen die überraschenden Erfolge ihrer Mannschaft bei der WM verfolgt und die internationale Anerkennung genossen. Nun bleibt immerhin noch die Gewissheit, erhobenen Hauptes auf die erfolgreichste WM der türkischen Fußball-Geschichte zurückblicken zu können. "Danke, Türkei", lautete ein Schriftzug, den das türkische Staatsfernsehen nach dem Spiel einblendete. "Endlosen Dank", sagten auch viele Fans auf den Straßen ihrem Team.
Das Vordringen ihrer Fußballer ins WM-Halbfinale bildete für die Türken ein kollektives Erfolgserlebnis, das die Grenzen des Sports weit hinter sich ließ: Die Regierung kaum noch handlungsfähig, die Wirtschaft am Boden - aber im Fußball eine Weltmacht. "Wir brauchen das", sagte ein Istanbuler Friseur während des Spiels am Mittwoch, als noch alles möglich schien. "Es gibt doch keine Arbeit, kein Geld." Die Kolumnistin Ipek Cem in der Istanbuler Zeitung "Milliyet" verglich die Stimmung sogar mit der Geburtsstunde der türkischen Republik in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts: "Es ist wie im Befreiungskrieg, als alle gemeinsam für das Vaterland kämpften." Nun muss sich zeigen, ob die landesweite Aufbruchstimmung der Türken auch ohne Großtaten ihrer Fußballer fortlebt.
