Montag, 24. Juni 2002

Teamchef Hiddink: Der Aufstieg zum Volkshelden

  • Zu Beginn misstrauisch betrachtet, jetzt umjubelt und gefeiert
  • Den Holländer zieht es aber zurück zu seinen Wurzeln

Am Anfang war das Misstrauen, am Ende bleibt grenzenlose Dankbarkeit: Wenn Guus Hiddink nach der Fußball-WM in seine Heimat zurückkehrt, wird ganz Südkorea dem neuen Nationalhelden unabhängig vom Ausgang des Halbfinales gegen Deutschland huldigen. Der bei seiner Verpflichtung noch argwöhnisch betrachtete und oft kritisierte Niederländer ist dank einiger gewonnener Spiele zum Multi-Millionär und zum Liebling der Massen aufgestiegen.

Ein Phänomen dieser Zeit, das Hiddink zwar genießt, aber nicht überbewertet: "Ich kann damit umgehen und lächle darüber", sagt der Trainer des WM-Gastgebers über die ihm plötzlich entgegengebrachte Verehrung.

"Hiddink for President"
Seit das Team bei der WM von Sieg zu Sieg eilt, kennt der Hype um den 55-Jährigen keine Grenzen. Ehrenbürger soll er werden, Straßen sollen nach ihm benannt werden, vielleicht erhält er sogar ein Denkmal: Noch nie wurde ein Ausländer in Südkorea in einem solchen Maße verehrt. Um die "Langnase" aus Europa wird ein Star-Rummel entfacht, der alles bisher Gesehene übertrifft. In den Fan-Shops sind die T-Shirts mit seinem Konterfei der Renner, in der Werbung ist der Niederländer omnipräsent, auf riesigen Plakaten prangt "Hiddink for President" und die koreanischen TV-Stationen berichten sogar aus dem fernen Doetinchem, wo Hiddink am 8. November 1946 das Licht der Welt erblickte.

Zu Beginn fühlte sich der Holländer unwohl
Dies alles hätte sich Hiddink vor einigen Monaten nicht in seinen kühnsten Träumen ausgemalt. Als der frühere Bondscoach, der mit den "Oranjes" vor vier Jahren im WM-Halbfinale an Brasilien scheiterte, im Jänner 2001 seine Zelte in Asien aufschlug, fühlte er sich in der ihm fremden Kultur zunächst nicht wohl. Unpopuläre Maßnahmen trugen kaum dazu bei, dass sich der oft mürrisch dreinblickende Coach und das Publikum näher kamen. Ein Unternehmen setzte sogar seine Kreditkarten-Werbung ab, in der Hiddink in Boris-Becker-Manier die Faust ballt.

Lebenslang Freibier
Diese Geste ist bei der WM zum Symbol für den Siegeswillen der "Korean Fighter" geworden - und der Werbespot flimmert längst wieder über alle TV-Kanäle. Hiddink wird mit Geschenken überhäuft und könnte sich in Südkorea als gemachter Mann zur Ruhe setzen: Vier Jahre darf er kostenlos "First Class" fliegen, lebenslang Freibier trinken und auf der Ferieninsel Cheju steht ein Haus einzugsfertig bereit. Hinzu kommen Werbe-Verträge in Millionenhöhe. Hiddink gilt als der Vater des Erfolgs, denn er hat das Team vor allem physisch und taktisch stark gemacht. Was der Trainer vorgibt, ist für die Spieler Gesetz. "Wir spielen so, wie er es sagt", erklärt Kapitän Myong-Bo Hong ehrfurchtsvoll. Dabei ist der 33-jährige Abwehrchef, der bereits seine vierte WM bestreitet, in seiner Heimat selbst ein Star.

Alles hat ein Ende: Hiddink geht zu Eindhoven zurück
Mittlerweile sind diverse Bücher über Hiddink erschienen, die sich mit dem Leben und Wirken des "Fliegenden Holländers" beschäftigen. Lob erhält er täglich und von allen Seiten. Auch Oliver Kahn meinte anerkennend: "Man muss Respekt haben vor dem, was er geleistet hat." Am liebsten würden ihn die Koreaner gar nicht wieder hergeben, doch den Erfolgscoach zieht es an die Wurzeln seines Schaffens zurück. Mit dem PSV Eindhoven holte er in den 80er Jahren nationale und internationale Titel, dort wird er künftig wieder als Trainer arbeiten. Und bei seinem Abschied wird ganz Südkorea um ihn weinen.

24.6.2002 14:18