Sonntag, 30. Juni 2002

10.000 Chavez-Unterstützer auf der Straße

  • Venezolanischer Präsident will sich Volksentscheid stellen
  • Ex-US-Präsident Carter zu Vermittlungsmission nach Venezuela

Zweieinhalb Monate nach einem Putschversuch gegen den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez sind in der Hauptstadt Caracas Zehntausende seiner Anhänger auf die Straße gegangen. Chavez sagte am Samstag in einer Ansprache auf der Großkundgebung, er werde sich einem von seinen Gegnern organisierten Volksentscheid über seinen Verbleib im Amt stellen.

Falls er dabei verlieren sollte, will Chavez zurücktreten. Einem Putsch wie dem im April werde er jedoch nicht weichen. Das Referendum könnte nach Chavez' Worten ab August 2003 abgehalten werden, wenn die Hälfte seiner regulär bis 2006 laufenden Amtszeit um ist. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter reist zu einer Vermittlungsmission nach Venezuela.

Versöhnung
Chavez, der die Zahl der Kundgebungsteilnehmer auf 200.000 schätzte, rief die Bevölkerung zur Versöhnung auf. In Venezuela werde es weder einen Bürgerkrieg noch eine Diktatur geben, sagte der Präsident. Er zeigte auf eine kleine Ausgabe der venezolanischen Verfassung, die er seit dem Umsturzversuch bei sich trägt, und rief unter dem Beifall der Menge: "Das ist unser Weg". Zugleich verwies er darauf, dass sich die Leute in den Reichenvierteln von Caracas für neuerliche gewalttätige Auseinandersetzungen bewaffneten. Dagegen müssten die Behörden vorgehen. Vize-Präsident Jose Vicente Rangel versicherte, dass es nicht noch einen Putsch geben werde. Dagegen berichtete der Bürgermeister der Hauptstadt, Freddy Bernal, von einem Plan der Chavez-Gegner zur Einnahme des Präsidentenpalasts und zur Tötung von Regierungsmitgliedern.

Wie das Carter-Zentrum in Caracas mitteilte, wird der frühere US-Präsident Venezuela zwischen dem 6. und 10. Juli besuchen, um in der gegenwärtigen Krise zu vermitteln. Eine Delegation des Carter-Zentrums hielt sich bereits seit Dienstag in dem südamerikanischen Land auf.

Chavez war am 12. April nach gewalttätigen Protesten mit 57 Toten und hunderten Verletzten von Teilen der Armee zum Amtsverzicht gezwungen worden. Weniger als 48 Stunden später kehrte er an die Staatsspitze zurück. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch und der kurzzeitigen Präsidentschaft von Unternehmerchef Pedro Carmona hatte Chavez einen Dialog zur nationalen Versöhnung angeregt und dazu auch das Carter-Zentrum um Mithilfe gebeten. Die Einschaltung der USA, die der Verwicklung in den Umsturzversuch bezichtigt werden, hatte der Präsident ebenso abgelehnt wie die der Organisation amerikanischer Staaten (OAS).

30.6.2002 12:48