Studie: Geringe Zuwanderungsgefahr nach Erweiterung
- Geburtenrückgang lässt Arbeitskräftemangel erwarten

Mittel- und langfristig wird es keine anhaltende Migration aus Ostmittel- nach Westeuropa geben. Zu diesem Schluss kommen der Wiener Raumforscher Heinz Fassmann und der Berliner Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz in einer gemeinsamen Analyse zur Osterweiterung der EU im "Migrationsreport 2002".
Mit dem politischen Umbruch und der Einführung der Marktwirtschaft im ehemaligen Ostblock sei es nämlich zu einem deutlichen Rückgang der Geburten gekommen, schreiben die beiden Forscher. Dies werde sich auf das Arbeitsangebot in diesen Ländern ab den Jahren zwischen 2006 und 2010 auswirken. Wegen des zu erwartenden Rückgangs der erwerbstätigen Bevölkerung würden sich Wanderbewegungen verringern.
Die zwei Wissenschaftler haben mehrere Prognosen ausgewertet: Demnach gebe es in den ehemaligen Oststaaten ein Potenzial von rund vier Millionen auswanderungswilliger Menschen. Dies bedeute, dass mit der EU-Osterweiterung etwa 200.000 bis 300.000 Menschen jährlich sich in Ländern der Europäischen Union ansiedeln würden " deutlich abnehmend von Jahr zu Jahr -, in Österreich würde sich der Ausländeranteil bis 2030 vervierfachen. Allerdings überwiege bei Befragungen unter Ausreisewilligen der Wunsch nach kurz- und mittelfristiger Arbeitsmigration, nicht aber nach permanenter Auswanderung.
In den zehn zukünftigen EU-Mitgliedstaaten leben laut Migrationsreport derzeit 102 Millionen Menschen, 2025 werden es laut Berechnungen 95 Millionen, 2050 nur noch 83 Millionen sein. Die nach einem Beitritt zu erwartende verstärkte positive ökonomische Entwicklung werde dort möglicherweise zu einer erhöhten Nachfrage an Arbeitskräften führen, schreiben Fassmann und Münz. Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird die Zahl derer, die ins Berufsleben einsteigen, in Ost und West sinken. Damit fänden junge Menschen bereits daheim einen adäquaten Arbeitsplatz und müssten nicht mehr in den Westen abwandern.
Die Verfasser untersuchen 3 Szenarien:
Eine Erweiterung der EU ohne Übergangsbestimmungen halten die beiden Autoren für Europa als Ganzes für unproblematisch: "Angesichts eines zukünftig zu erwartenden Arbeitskräftemangels in Deutschland, der Schweiz und Österreich wäre die Möglichkeit, dass es zu einer verstärkten Zuwanderung oder Pendelbewegung kommen könnte, nicht weiter besorgniserregend", schreiben sie. Allerdings räumen sie ein, dass es für bestimmte grenznahe Arbeitsmärkte sehr wohl zu Problemen kommen könnte.
Der Gegenposition einer Erweiterung mit langfristigen Übergangsbestimmungen stehen die zwei Wissenschaftler skeptisch gegenüber. So etwa werde, besonders von Arbeitnehmervertretern, gefordert, die Beschränkungen erst aufzuheben, wenn ein durchschnittliches Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 50 Prozent des EU-Durchschnitts erreicht sei: Die Autoren warnen dabei vor sehr langen Zeiträumen: "Sollten die Staaten 80 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts erreichen, dann wird dies im Schnitt 61 Jahre dauern. Rumänien und Bulgarien werden dieses Ziel erst gegen Ende des 21. Jahrhunderts erreichen."
Der seit Herbst 2000 bestehende Konsens über flexibel anzupassende mittelfristig wirksame Übergangsfristen erscheint den Autoren als "akzeptabler Ausgleich der unterschiedlichen Interessen". Wenn die Beschränkungen Ende des Jahrzehnts aufgehoben würden, geschehe dies zur selben Zeit, da mit einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots in allen Ländern zu rechnen sei. Auf die Frage, ob eine hohe Zahl an Ost-West-Wanderern zu befürchten sei, antworten Heinz Fassmann und Rainer Münz abschließend: "Viel eher müssten wir uns fragen: Wo werden wir in Zukunft die dringend benötigten Arbeitskräfte rekrutieren können? Und diese Frage wird sich dann nicht nur in der gegenwärtigen EU, sondern auch in einigen der zukünftigen EU-Mitgliedsstaaten Ostmitteleuropas stellen."
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