Freitag, 28. Juni 2002

USA weisen Ex-KZ-Wächter nach Österreich aus

  • Ex-SS-Mann unter Androhung der Deportation ausgereist
  • Ex-NS-Verbrecher Gruber bereits in Österreich

Die USA haben einen ehemaligen Wachmann im nationalsozialistischen Konzentrationslager Sachsenhausen nach Österreich ausgewiesen. Der heute 86-jährige Michael Gruber habe es vorgezogen, unter unmittelbarer Androhung der Deportation selbstständig auszureisen, teilte eine Sprecherin des US-Justizministeriums in Washington am Donnerstag mit. Der ehemalige SS-Mann hält sich bereits seit zwei Wochen in Österreich auf. Sein genauer Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Laut Innen- und Justizministerium kann er in Österreich nicht gerichtlich verfolgt werden.

Werner Pürstl vom Justizministerium bestätigte die zuvor gemachten Angaben des Innenministeriums, wonach es für die Strafverfolgungsbehörden in Österreich keinen Anlass gebe, gegen den 86-jährigen Gruber tätig zu werden. Bereits im Zuge der seinerzeit im Rechtshilfeweg für die US-Behörden durchgeführten Ermittlungen habe Gruber "nichts Konkretes" vorgeworfen werden können.

Wachdienst im KZ Sachsenhausen
Die Ermittlungen hätten ergeben, dass Gruber Wachdienst im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin geleistet haben soll. "Im Ausweisungsverfahren hat Gruber selber gesagt, er habe als Bewachungspersonal Dienst versehen, habe aber lediglich die Bewachung von Munitionstransporten und Verladetätigkeiten zu beaufsichtigen gehabt", so Pürstl. Keiner der damals befragten Zeugen habe Gruber identifizieren können und ihm etwas Konkretes vorgeworfen, so Pürstl.

Bereits im August des Jahres 2000 widmete sich das Nachrichtenmagazin "profil" mit einem Artikel der bevorstehenden Ausweisung Grubers. In einem Interview mit "profil" sagte Gruber damals unter anderem, er habe erst nach seiner Einberufung im Jahr 1942 erfahren, dass er zur SS käme. "Wir wussten gar nicht, was SS bedeutete", sagte Gruber damals. Zu seiner Einheit befragt, sagte Gruber: "Die sagen hier 'im Totenkopfbatallion', aber ich weiß nicht, was das sein soll. Einen Totenkopf haben doch alle auf den Klamotten gehabt." Und weiter: "Wir haben Sträflinge bei der Arbeit bewacht."

Laut dem Artikel stammt Gruber aus Krndija in der Nähe von Osjiek und wurde 1942 einberufen. Nach einem Einsatz in Russland wurde er als Wachposten für Insassen des Konzentrationslagers Sachsenhausen eingesetzt. Gruber geriet in Frankreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurück kehrte. 1956 wanderte er in die USA aus, nachdem er in Voitsberg in der Steiermark einen österreichischen Reisepass erhalten hatte.

Mann erschlich sich Einbürgerung in den USA
Gruber hatte als pensionierter Automechaniker in New York City gewohnt. Im August 2000 hatte ein Richter der Einwanderungsbehörde in Manhattan entschieden, dass er nach Österreich deportiert werde. Gruber habe als Mitglied der Totenkopfbrigaden im KZ Sachsenhausen von Jänner 1943 bis September 1944 an der nationalsozialistischen Verfolgung mitgewirkt, begründete Richter Robert Weisel sein Urteil. Er bezeichnete "Gruber und andere Mittäter" als "die Personifizierung des absolut Bösen". Im Konzentrationslager Sachsenhausen im Norden von Oranienburg bei Berlin hielten die Nationalsozialisten zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen gefangen. Zehntausende wurden ermordet oder fielen Hunger und Krankheiten zum Opfer.

Am 7. Mai 2002 hatte die Einwanderungsbehörde ihre Unzuständigkeit erklärt, eine Berufung Grubers zu behandeln und die Ausweisungsentscheidung des Richters bestätigt. Gruber habe daraufhin entschieden, nach Österreich zurückzukehren, statt offiziell von den US-Behörden deportiert zu werden, heißt es in einer Aussendung des US-Justizministeriums.

28.6.2002 08:48