Freitag, 28. Juni 2002

10 Jahre BP Klestil: Wahlsieg & Rosenkrieg

  • Tag der Offenen Tür am 29. Juni: Tausende besuchten Klestil

"Nicht vordrängen! Hinten anstellen, ganz hinten!" Eine ältere Dame zupft eine Frau am Ärmel. "Wir warten auch schon über eine Stunde," meint sie und weist an das dreihundert Meter weiter hinten liegende Ende der Schlange. Bundespräsident Thomas Klestil hat die Österreicher am 29. Juni zu seinem zehnjährigen Amtsjubiläum in die Präsidentschaftskanzlei im Leopoldinischen Trakt der Hofburg geladen - und sie sind in Scharen gekommen. Mehr als 5.000 Menschen haben den Tag der Offenen Tür für eine Visite beim Staatsoberhaupt genutzt.

Gruppenweise werden die Gäste über die Adlerstiege hinauf in die Zimmerflucht des Traktes mit den Amtsräumen des Präsidenten geführt. "Hier im Spiegelsaal hat sich einst die kaiserliche Familie vor den Festen versammelt", erklärt ein Führer. "Der Spiegelsaal ist wie geschaffen für Politiker," raunt ein Mitfünfziger seinem Begleiter zu. Ob das auch für Bundespräsident Klestil gilt? "Nein, er tut mir leid, er ist von seiner Partei fallen gelassen worden." Besonders schätzt der Mann im grauen Sakko Margot Klestil-Löffler. "Sie ist eine Diplomatin von der Pike auf." Nachsatz: "Und es ist kein Verbrechen, wenn man einen Mann liebt und ihn heiratet."

Zwei Räume weiter, im Maria-Theresien-Zimmer, schüttelt der Mann dem Bundespräsident und seiner Frau die Hände und versichert seine Unterstützung. "Es ist ein schöner Tag!" Klestil fühlt sich sichtlich wohl. "Weil die Menschen sehr freundlich sind." Auf die Frage, ob er sich öfter einen Tag der Offenen Tür vorstellen könne, winkt der Bundespräsident ab. "Das würde zu sehr nach Hof Halten aussehen," meint er in einer kurzen Pause zu Journalisten. "Herr Bundespräsident, die Menschen warten auf Sie", klopft Margot Klestil-Löffler ihrem Mann auf die Schulter. Im Miniaturenkabinett vor dem Maria-Theresien-Saal stauen sich die Besucher.

Für das Ehepaar gibt es vor allem Glückwünsche, einige haben auch Geschenke mitgebracht: Eine ältere Dame überreicht Frau Klestil-Löffler einen langen Österreich-Bleistift, andere bringen Blumensträuße, eine gute Flasche Wein und viele Bücher. Im Maria-Theresien-Zimmer, dem offiziellen Empfangszimmer des Präsidenten, herrscht - ausnahmsweise - ein lockerer Ton. Die Kinder geben Auskunft übers Zeugnis. "Kein Fünfer? Kein Nachzipf? Super!" Klestil selbst empfängt nicht wenige Komplimente. "Ich bin stolz auf Sie", sagt ein älterer Herr, etliche Damen sind von Klestils Erscheinung angetan. "Er sieht ja so jung aus," bestätigt seine Ehefrau.

Besonderes Interesse weckt die berühmte Tapetentür, durch die man Klestil im Fernsehen mit Politikern und Staatsgästen verschwinden sieht. "Das ist die Tür, wo alle hineinwollen", erklärt eine Frau ihrer etwas verschüchterten kleinen Tochter. Die geheimnisvolle Tür steht offen, und die Besucher lugen in das Arbeitszimmer des Präsidenten hinein. "Da stehen nur ein Schreibtisch und ein Computer", erklärt Klestil dem Mädchen.

Viele bitten auch um Unterstützung bei persönlichen Problemen. Mitarbeiter der Kanzlei nehmen die Ansuchen auf und versprechen, sich mit dem Bürgerservice darum zu kümmern. Zum zehnjährigen Amtsjubiläum herrscht im Maria-Theresien-Zimmer eitle Wonne. "Ich wünsche Ihnen alles Gute für die nächsten zehn Jahre und ich hoffe sie haben weiter Freude mit uns Österreichern", sagt eine Frau beim Händeschütteln. "Mit den Österreichern habe ich immer ein große Freude," lacht Klestil. Präsident sei er allerdings nur mehr zwei Jahre.

Zum Abschluss der vierstündigen Audienz stärkt sich das Ehepaar Klestil im Burghof mit einer Gulaschsuppe. Mit am Tisch sitzen die Polizeimusikanten, die am Ballhausplatz den Besuchern das Warten verkürzt haben.

28.6.2002 17:15