Mittwoch, 19. Juni 2002

Eine Million Spanier demonstrierten

  • Politiker konnten nicht zum Gipfel, mussten Anreise verschieben
  • Es gab auch Streikbrecher! 27 Festnahmen nach Krawallen

Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können für den spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar. Einen Tag vor Beginn des EU-Gipfels in Sevilla lähmte ein Generalstreik das Land. Etwa eine Million Spanier haben gegen eine Reform der Arbeitslosengesetze durch die konservative Madrider Regierung demonstriert.

In der spanischen Hauptstadt beteiligten sich am Abend Hunderttausende von Menschen - nach Angaben der Veranstalter eine halbe Million - an einer Kundgebung der Gewerkschaften.

In Barcelona protestierten nach einer Schätzung der Polizei über 400.000 Menschen gegen die Reform, in Vigo im Nordwesten Spaniens über 100.000. In Sevilla, wo heute eine EU-Gipfelkonferenz beginnt, beteiligten sich nach Angaben der Gewerkschaften 100.000 Demonstranten an einer Protestkundgebung, die Regierung sprach dagegen nur von 10.000.

Die Proteste richteten sich gegen eine Reform, die den Empfang von Arbeitslosengeld an strengere Bedingungen knüpft. Zum Generalstreik hatten die Gewerkschaften aufgerufen. Ihre Aufforderung wurde in den verschiedenen Wirtschaftsbranchen unterschiedlich befolgt.

Generalstreik legt Spanien lahm
Ein großer Teil der Linienflüge war wegen des Streiks vorsorglich abgesagt worden. Die spanische Fluggesellschaft Iberia hatte 80 Prozent ihrer Flüge annulliert. Allein in Frankfurt am Main wurden 60 Flüge nach Spanien gestrichen. Mehrere Regierungschefs mussten ihre Anreise zum EU-Gipfel nach Sevilla verschieben. Ministerpräsident Jose María Aznar warf den Gewerkschaften vor, mit der Wahl des Streiktermins dem Ansehen Spaniens in Europa schaden zu wollen.

Dutzende von Menschen wurden bei Zusammenstößen zwischen Streikposten und der Polizei in verschiedenen Teilen des Landes verletzt, über 40 Streikende wurden festgenommen.

Die Stahlfabriken und die Montagewerke vieler Autohersteller mussten die Produktion einstellen. Das Volkswagenwerk bei Pamplona in Nordspanien entschloss sich zur Aussperrung der Beschäftigten. Viele Kaufhäuser und Großmärkte konnten nur unter Polizeischutz öffnen, weil Streikposten die Eingänge versperrt hatten.

Streik kostet 250 Millionen Euro
Nach Angaben von Experten drohten der spanischen Wirtschaft bei dem Streik Einbußen von 250 Millionen Euro. Der Ausstand war der fünfte Generalstreik in Spanien seit der Wiedereinführung der Demokratie vor 25 Jahren und der erste seit der Übernahme der Regierung durch Aznar im Jahr 1996. Die Gewerkschaftsverbände hatten 15 Millionen Beschäftigte zur Niederlegung der Arbeit aufgerufen.

19.6.2002 16:29