Montag, 17. Juni 2002

Bertelsmann will sich von Fachverlag Springer trennen

  • Alle Lösungen möglich - Verkauf, Fusion oder MBO

Der Medienkonzern Bertelsmann will sich von seiner Fachverlagsgruppe Bertelsmann Springer trennen. Der Fachverlag sei zwar profitabel und habe hervorragende Wachstumschancen, passe aber nicht in das Konzept eines integrierten Medienkonzerns.

Das sagte Vorstandschef Thomas Middelhoff in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Alle Möglichkeiten werden geprüft
"Der Vorstand hat entschieden, dass wir hier alle Möglichkeiten prüfen. Das schließt einen Verkauf, die Fusion mit einem anderen Verlagshaus oder einen Management-buy-out (MBO) ein, also die Übernahme durch die eigenen Führungskräfte." An einem Einstieg bei dem defizitären Kirch-PayTV-Sender Premiere habe Bertelsmann indes kein Interesse mehr, sagte Middelhoff weiter.

Trotz Plus ein "kleiner Spieler"
Bertelsmann Springer hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 749 Mill. Euro erzielt, gehört damit aber im Vergleich zu den konkurrierenden Fachverlagen Thomson, Reed Elsevier und Wolters Kluwer zu den kleinen Spielern im Markt.

Bertelsmann will seine Finanzkraft auf die Massenmärkte konzentrieren, "auf das Fernsehen, den Buchverlag Random House, Zeitschriften und die Musik, sowie auf Direktkundengeschäfte bei den Buchclubs und die Media Services", erläuterte der Konzernchef seine Strategie. Daher werde Bertelsmann weitere Randgeschäfte wie das Hotelreservierungssystem Trust oder das Internetportal Daum in Südkorea abgeben. "Insgesamt stehen 25 kleinere und mittlere Unternehmen auf der Liste potenzieller Verkäufe."

Kein Interesse an Premiere
Die Entwicklung bei dem in die Krise geratenen Kirch-Konzern sieht Middelhoff nach eigenen Angaben entspannt. Er warte in aller Ruhe, wer bei der Kirch-Tochter ProSiebenSat.1, dem Konkurrent der RTL-Sendergruppe von Bertelsmann, einsteige. An dem von der Insolvenz bedrohten PayTV-Sender Premiere sei Bertelsmann jedenfalls nicht mehr interessiert. "Wir haben geprüft. Unsere Antwort ist eindeutig - Bertelsmann hat kein Interesse an Premiere. Wir glauben nicht an das Konzept, das wir gesehen haben", sagte Middelhoff.

Neue Sparte Musik
Nach der Übernahme der Internet-Musikbörse Napster und dem angekündigten Kauf des US-Plattenlabels Zomba für rund drei Mrd. Dollar will Bertelsmann für das Musikgeschäft auch seine TV-Kompetenz einbringen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass sich das Fernsehen als Promotionmaschine für die Musik gut nutzen lässt", sagte Middelhoff. Deshalb prüfe die RTL Group, einen eigenen europäischen Musikkanal aufzubauen. "Ich kann mir gut vorstellen, dass wir unsere starken Marken RTL und Napster kombinieren." Bertelsmann werde aber auf jeden Fall nicht bei den Musikkanälen MTV und Viva einsteigen, deren Anteile zu teuer wären.

17.6.2002 09:40