Mittwoch, 19. Juni 2002

"Soccer" ist in den USA noch lange kein Volkssport

  • Viel Begeisterung - wenig Ahnung
  • Ballspiel mit patriotischer Dimension

Vom sportlichen Stiefkind zur patriotischen Aufgabe mit präsidialer Ehrung: Seit dem historischen 2:0-Achtelfinalsieg der US-Nationalmannschaft über Mexiko bei der WM in Asien erlebt Fußball in den Vereinigten Staaten einen Aufschwung.

Dass die Nation dem Viertelfinale gegen Deutschland am Freitag entgegenfiebern würde, wäre allerdings denn doch etwas zu viel gesagt. Trotz euphorischer und breiter Berichterstattung in den Medien über die WM-Erfolge ist zu vielen US-Bürgern noch immer nicht durchgedrungen, was denn nun sportlich eigentlich genau los ist in Südkorea und Japan.

Ja, die USA seien so weit gekommen wie schon lange nicht mehr bei einer Fußball-WM, weiß Demetrius Parker, Portier in einem Bürogebäude in Washington. Aber wer der nächste Gegner ist? Südkorea, glaubt er. Chris Buddy, 27-jähriger Internet-Designer aus der Hauptstadt, mag Fußball und spielt in seiner Freizeit auch selbst, wie er während seiner Mittagspause im Park vor dem Weißen Haus erzählt. Er weiß, dass die USA es ins Viertelfinale geschafft haben. Aber gegen wen sie spielen? "Das weiß ich nicht."

Präsident George W. Bush sprach also durchaus stellvertretend für die Mehrheit im Volk, als er die US-Mannschaft vor dem Mexiko-Spiel telefonisch begeistert anspornte, zugleich aber sein fehlendes Wissen gestand. "Das Land ist wirklich stolz auf das Team", sagte der Präsident. "Und viele Leute, die nicht einmal Ahnung vom Fußball hatten - wie ich - sind ganz aufgeregt und drücken Euch die Daumen."

Fußball-WM in den USA brachte kaum Aufschwung
Zwar waren die USA vor acht Jahren WM-Schauplatz, doch bis zum Volkssport ist es für den Fußball in den Staaten trotzdem noch ein weiter Weg. In den Einschaltquoten liegt "soccer" - so der US-Name für Fußball - nach wie vor weit hinter Basketball, Football, Baseball und Eishockey zurück, woran auch die aktuelle WM bisher nichts geändert hat. Die Fans, die sich nachts in den Kneipen drängeln, um die Spiele der USA live zu sehen, stellen eine Minderheit mit Exoten-Status dar.

Und dennoch hat sich in den vergangenen Jahren im "US Soccer" durchaus einiges getan: Das US-Frauenteam ist amtierender Weltmeister. Für die Männer gibt es seit sechs Jahren die Profiliga Major League Soccer (MLS), die heute aus zehn Klubs mit teilweise eigenartigen Namen wie "San Jose Erdbeben" oder "Los Angeles Galaxie" besteht. Und unter den jüngeren Generationen ist Fußball inzwischen sogar die zweit beliebteste Sportart: Knapp 14 Millionen Kids zwischen sechs und 18 Jahren spielen "soccer" - nur noch Basketball hat mehr aktive Anhänger. Auch in den Werbespots sind die Kids immer häufiger mit dem "soccer ball" zu sehen.

TV-Sender verschmähen Fußball
Dass der Fußball-Funke gleichwohl noch nicht auf die breite Masse über gesprungen ist, mag nicht zuletzt an den TV-Sendern liegen. Bei ihnen ist Fußball wenig beliebt, weil er sich anders als etwa Basketball, Football oder Baseball wegen der fehlenden ständigen Unterbrechungen wenig für Werbepausen eignet. Zum anderen finden viele Amerikaner Fußball einfach langweilig, zumindest beim Zuschauen. In den Augen des US-Publikums "dauert es so lang", bis auf dem Fußballfeld etwas passiert, es gebe wenige Tore und auch wenige Schüsse aufs Tor, sagt Sean Finnell, ein Werbetexter aus Washington, der sich selbst sehr für Fußball interessiert.

Es sind wohl nicht nur die fehlenden Torszenen. Fußball ist vielen US-Sportfans, die an prügelnde Hockeyspieler, verkeilte Footballer und blutig geprügelte Boxer gewöhnt sind, nicht raubeinig genug. Vom "Gladiatoren-Syndrom" im US-Sport spricht deshalb bedauernd James Cummings, ein 47-jähriger Architekt und Soccer-Freak aus der US-Hauptstadt.

Fußball in den USA patriotisch gesehen
Mit den Erfolgen bei der WM hat der Fußball für die USA aber eine patriotische Dimension gewonnen, die zum derzeitigen Aufschwung beiträgt. "Wir wissen, dass wir das großartigste Land der Welt repräsentieren", antwortete Trainer Bruce Arena seinem Präsidenten am Telefon. Solche Worte kommen besonders seit dem Terror des 11. September daheim gut an. Dem US-Team ist durchaus bewusst, dass seine gewachsene Popularität nicht immer wirklich etwas mit dem Fußball zu tun hat: "Viele interessieren sich natürlich nicht für uns, weil wir Fußball spielen, sondern weil wir Amerika im Augenblick gut repräsentieren", vermutet Teamverteidiger Tony Sanneh.

19.6.2002 12:25