Freitag, 21. Juni 2002

Kinderlähmung in Europa besiegt

  • WHO erklärt den Kontinent für "polio-frei"

Die einst gefürchtete Kinderlähmung ist in Europa besiegt. Nachdem in 51 europäischen Staaten seit drei Jahren kein einziger Fall der ansteckenden Viruserkrankung mehr aufgetreten ist, erklärten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF den Kontinent für "polio-frei".

WHO-Regionalchef Marc Danzon sagte am Freitag in Kopenhagen: "Dies ist eine wunderbare Botschaft, wie wir sie leider nicht oft überbringen können." Jetzt müsse man mit voller Kraft daran gehen, durch umfassende Impfprogramme auch die letzten zehn noch von Kinderlähmung betroffenen Länder in Afrika und Asien bis zum Jahr 2005 von der Krankheit zu befreien.

Die WHO hatte 1988 gemeinsam mit UNICEF, dem Internationalen Rotary-Club und einer US-Behörde ein weltweites Impfprogramm gegen Poliomyelitis gestartet, in dessen Verlauf 1994 bereits Nord- sowie Südamerika sowie im Jahr 2000 die Region um Australien (Ozeanien) für polio-frei erklärt werden konnten. Der europäische UNICEF-Chef Philip O'Brien sagte, das größte Problem in Europa sei die Impfung von Kindern in osteuropäischen Konflikt- und Armutsgebieten gewesen.

Letzter gemeldeter Polio-Fall: 3-jähriger Knabe aus der Türkei
Als letzten gemeldeten Poliofall in Europa nannten WHO und UNICEF den türkischen Buben Melik Minas, der ohne Impfung gegen Polio im Alter von knapp drei Jahren erkrankte und seit November 1998 gelähmt ist. Die Organisationen warnten allerdings ausdrücklich davor, nun in Europa mit dem Impfen aufzuhören, solange die Krankheit noch in anderen Weltregionen verbreitet ist.

1994 registrierten die Behörden in ganz Europa immer noch 200 Polioerkrankungen. Das seitdem vor allem bei östlichen Mittelmeeranrainern, im Kaukasus und in zentralasiatischen Republiken im Bereich der früheren Sowjetunion vorgenommene Impfprogramm nannte WHO-Chef Danzon eine "wirklich beispiellose Erfolgsgeschichte". Die WHO erklärt einen Kontinent erst dann als poliofrei, wenn dort mindestes drei Jahre lang kein Fall von einheimischem Polio aufgetaucht und ein gut funktionierendes Überwachungssystem gegen Polioviren vorhanden ist.

Die WHO hatte sich zunächst die weltweite Ausrottung der Kinderlähmung bis Ende des Jahres 2000 zum Ziel gesetzt, dieses aber später auf 2005 verschoben. Weltweit sind die gemeldeten Polio-Erkrankungen von 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 537 Fälle im Jahr 2001 zurückgegangen. Betroffen sind laut WHO noch die zehn Länder Afghanistan, Angola, Ägypten, Äthiopien, Indien, Niger, Nigeria, Pakistan, Somalia und Sudan.

21.6.2002 15:47