Freitag, 14. Juni 2002

Anschlag auf US-Konsulat in Pakistan

  • Noch keine Spur vom Drahtzieher
  • Zahl der Toten steigt auf elf

Nach dem Bombenanschlag in der pakistanischen Hafenstadt Karachi vom Freitag gibt es immer noch keinen Hinweis auf die Drahtzieher. "Sie haben mehrere Dutzend Leute verhört, aber bis jetzt gibt es keinen Hinweis darauf, wer an der tödlichen Attacke beteiligt war", sagte Syed Kamal Shah, der Polizeichef der Provinz Sindh, am Sonntag. Während die Polizei zunächst von einem Selbstmordattentat vor dem US-Konsulat ausgegangen war, verdichteten sich am Samstag Hinweise, wonach die Bombe im Auto einer Fahrschule versteckt gewesen sein könnte und ferngezündet wurde.

Die bisher radikalislamische Gruppe "Al Qanoon" bekannte sich zum Attentat, bei dem elf Menschen getötet und 51 verletzt wurden. US-Präsident George W. Bush machte "radikale Killer" verantwortlich.

Wie ein Polizeisprecher sagte, spricht inzwischen einiges dafür, dass die Autobombe in einem Toyota einer örtlichen Fahrschule platziert war. Die vier offenbar ahnungslosen Insassen kamen ums Leben. Möglicherweise sei der Sprengsatz per Fernsteuerung gezündet worden, als das Auto an dem Konsulat in der südpakistanischen Stadt vorbeifuhr. Der Innenminister der Provinz Sindh, Mukhtar Sheikh, erklärte, ein Selbstmordanschlag werde nach wie vor nicht ausgeschlossen. "Aber wir untersuchen jetzt auch Hinweise auf eine mögliche Fernzündung." Bestärkt wurde die These durch die Tatsache, dass bisher keine Leiche eines mutmaßlichen Selbstmordattentäters gefunden wurde.

Nach Angaben eines hochrangigen Polizeibeamten wurde die Besitzerin der Fahrschule bereits am Freitag mehrere Stunden lang verhört. Sie habe nach eigenen Angaben "keine Ahnung, ob Terroristen eine Bombe in dem Wagen deponierten oder nicht". Die Fahrlehrerin sei mit drei Schülerinnen auf dem Rückweg zur Schule gewesen, als die Frauen dem Anschlag zum Opfer fielen.

Unterdessen wurde die Zahl der Todesopfer erneut korrigiert. Nach Angaben von Innenminister Sheikh wurden Teile einer weiteren und damit elften Leiche gefunden. Bisherigen Erkenntnissen zufolge handle es sich bei den Opfern um sechs Frauen und fünf Männer.

An den Ermittlungen beteiligt sich nach Angaben eines pakistanischen Polizeibeamten auch ein 20-köpfiges ausländisches Team, zu dem mehrere Agenten der US-Bundespolizei FBI gehören. Zu einer ersten Bestandsaufnahme seien die Experten mehr als zwei Stunden vor Ort gewesen. Die Polizei sperrte die Straße vor dem Konsulat mit Stacheldraht und Barrikaden ab, ebenso die Diplomatenviertel in der Stadt.

Landesweit begannen Sicherheitsbeamten mit der Suche nach militanten Islamisten verbotener Bewegungen, wie aus Polizeikreisen verlautete. Auch bereits inhaftierte radikale Moslems würden zu dem Anschlag befragt. Kamal Shah zufolge ist ein Zusammenhang mit dem Selbstmordattentat auf französische Ingenieure Anfang Mai in Karachi nicht auszuschließen. Es sei jedoch noch zu früh, um Schlüsse zu ziehen. Bei dem Anschlag, zu dem sich die mutmaßliche Terrororganisation El Kaida bekannte, waren elf Franzosen und drei Pakistaner getötet worden. Ein Bekennerschreiben von "Al Qanoon" ("Das Gesetz") zu dem Attentat vom Freitag werde ernst genommen, sagte Polizeichef Shah weiter. Die bisher unbekannte Gruppe hatte in ihrer Erklärung mit weiteren Anschlägen gedroht.

Bush sagte am Freitag im texanischen Houston, die Täter hätten keine Rücksicht auf Einzelschicksale genommen. "Diesen Menschen" werde es nicht gelingen, die Vereinigten Staaten einzuschüchtern. Außenminister Colin Powell sagte dem pakistanischen Staatschef Pervez Musharraf die Unterstützung der USA bei der Aufklärung des Anschlags und der Bekämpfung des Terrorismus zu.

14.6.2002 07:47