Freitag, 7. Juni 2002

Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk ist 75

  • "Werde ab diesem Geburtstag mein Alter vergessen"

Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk, der Sonntag 75 Jahre alt wurde, blickt mit Freude zurück, lobt die Veränderungen in Wien - und gibt sich bescheiden und zurückhaltend: "Man soll ab einem gewissen Zeitpunkt alles vermeiden, Leuten, mit denen man etwa beruflich zu tun hat, zur Last zu fallen. Gratulieren gehört auch dazu."

Er könne nicht ausschließen, mit Freunden auf den runden Geburtstag anzustoßen. Er habe allerdings gebeten, dass es kein Fest geben wird. "Aber nicht weil ich nicht zufrieden bin, sondern weil das Alter nur mehr sekundären Wert hat", meinte Zilk.

"Die Marlene Dietrich hat einmal gesagt, als man sie gefragt hat, wie alt sie ist, dass sie es nicht weiß. Auch ich hab mir vorgenommen, dass ich ab diesem Geburtstag mein Alter vergesse." Aus dem politischen Leben hat sich der Jubilar schon seit längerem zurückgezogen. "In das Rathaus gehe ich nur mehr, wenn ich darum gebeten werde", berichtete der einstige "Stadtvater". Sein Philosophielehrer Viktor Kraft habe ihm einmal gesagt: "Gehe nie zu deinem Fürst', wenn Du nicht gerufen wirst."

Er mache sich auf den Weg zur alten Wirkungsstätte, wenn er zu einer Ehrung geladen sei oder sein Nachfolger Michael Häupl mit ihm reden wolle: "Das tut er hin und wieder. Doch wir verlegen das Gespräch meistens ins Wirtshaus, da wir beide gerne bei einem Gespritzten sitzen." Aber er gehe nicht ins Rathaus, um die Abteilungen zu besuchen und Erinnerungen auszutauschen "und was weiß ich noch alles". Zilk betonte: "Man muss ja abschließen können, wenn man abschließt."

Lob auf die Lebensqualität in Wien
Das Beste, was man derzeit über Wien sagen könne, ist, dass sich die Stadt weiter entwickelt habe - "in eine Richtung, zu der ich auch ein bisschen beigetragen habe". Wien sei eine Stadt mit Lebensqualität, was das "Allerwichtigste" sei: "Der Weg, den wir damals eingeschlagen haben, egal ob auf dem Verkehrs- oder auf dem Umweltsektor, dieser Weg, der entwickelt sich zügig und gut weiter." Wenn Zilk "wir" sagt, meint er vor allem seinen früheren Vize Hans Mayr, mit dem es eine "beispiellose Zusammenarbeit" gegeben habe. "Wir waren so etwas wie siamesische Zwillinge", so Zilk.

Für die derzeitige Stadtregierung hat er ebenfalls Lob parat: "Dort, wo Probleme sind, werden sie nicht zugedeckt. Es ist eine Politik, die offen und glaubhaft ist." Zufriedenheit bedeutet laut Zilk jedoch nicht Kritiklosigkeit: "Und darum scheue ich mich auch zu sagen, dass ich keine Freude habe mit der Hochhaus-Entwicklung in der Stadt. Ich sage bedingungslos 'Ja' zu Hochhäusern, bin aber der Meinung, dass das Stadtbild im Zentrumsbereich so bleiben soll."

Zilk: "Wir haben einmal den Satz kreiert: Wien ist anders. Anders werden wir aber nicht sein, wenn wir Hochhauskaskaden im Zentrum haben, damit haben sie schon London verschandelt. Ich persönlich mag es jedenfalls nicht, aber ich nehme nicht in Anspruch, dass ich Recht habe." Es sei schon richtig, dass etwa im Bereich Wien-Mitte - wo die derzeit wohl umstrittensten Türme entstehen sollen - etwas gemacht werden solle.

"Aber gelegentlich ist das auch die Triebkraft für Unsinn, wenn man sagt, dass etwas geschehen muss", meinte der Altbürgermeister. Und auch das Argument, die Bauwirtschaft zu stärken, lässt der Jubilar nicht gelten: "Wenn das so ist, habe ich eine bessere Idee. Dann verbauen wir die Donauinsel, dann haben wir die Bauarbeiter Wiens hundert Jahre lang beschäftigt, das kann es ja wohl nicht sein."

"Ich bin nach wie vor streitlustig"
Sein Resümee: "Wenn ich zurückschau, seh ich, ich hab immer was neues machen können, als Lehrer, als Journalist und als Politiker. Und ich glaub auch, dass der Wechsel immer gut war. Ich war überall gern, es hat mir überall Freude gemacht. Das wichtigste ist für einen Menschen, dass er sich nicht selbst aufgibt. Und das ist der Grund warum ich auch jetzt noch weitermache. Und ich bin nach wie vor streitlustig." Zusatz: "Aber ich streite nicht mehr um jeden Preis."

7.6.2002 16:25