Donnerstag, 30. Mai 2002

Nitrofen-Skandal in Deutschland ist aufgeklärt

  • Quelle der Verunreinigung in Mecklenburg-Vorpommern
  • Öko-Getreide in früherem DDR-Pestizid-Lager verseucht

Der Skandal um die Belastung von Öko-Lebensmitteln mit dem Krebs erregenden Pflanzenschutzmittel Nitrofen in Deutschland ist aufgeklärt. Das von der niedersächsischen GS agri bundesweit verkaufte Öko-Getreide wurde im Lager einer Saatgutfirma in Mecklenburg-Vorpommern mit dem verbotenen Pflanzenschutzmittel verunreinigt. In der Halle bei Neubrandenburg waren zu DDR-Zeiten Pestizide gelagert.

"Es gibt keine Anhaltspunkte darauf, dass es noch eine andere Quelle der Verunreinigung gibt", sagte die deutsche Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) am Samstag in Berlin.

Nach Angaben von Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) handelt es sich bei der betroffenen Firma um die Norddeutsche Saat- und Pflanzengut AG Neubrandenburg (NSP). Das Unternehmen wurde laut Landesministerium sofort gesperrt. Davon betroffen seien auch Niederlassungen in anderen Bundesländern. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt hätten die Ermittlungen aufgenommen.

Den bisherigen Erkenntnissen zufolge hatte die NSP die rund 2000 Quadratmeter große Halle in Malchin bei Neubrandenburg im Oktober 2001 gemietet und dort das Bio-Getreide aufbewahrt. Zu DDR-Zeiten diente die Halle als "Lagerstätte der Staatsreserve an Pflanzenschutzmitteln der drei Nordbezirke". Nach der Wiedervereinigung wurde das Lager 1990 durch die Treuhand ohne weitere Auflagen privatisiert und vom Bund ohne Auflagen veräußert.

Nicht erst bei der Futtermittelherstellung hinzugesetzt
Mit dieser Aufklärung des Skandals bestätigen sich auch die Angaben der GS agri, das Nitrofen müsse sich bereits bei Anlieferung in den Rohstoffen befunden haben. Es sei nicht erst bei der Futtermittelherstellung hinzugesetzt worden. Die Firma sei "Opfer gewissenloser Verursacher außerhalb des eigenen Betriebs geworden", hatte Geschäftsführer Paul Römann gesagt. Der Futtermittelfabrik GS agri soll wegen des Nitrofen-Skandals die Produktionserlaubnis entzogen werden. Bereits verboten hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium am Freitag die Herstellung und Auslieferung von Futtermitteln für Öko-Betriebe.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) sagte, die Ermittlungen konzentrierten sich nun auf die Verantwortlichen des Skandals. Sie seien einmal beim Betreiber der Halle in Malchin zu suchen, dann bei den Verarbeitern des Getreides sowie bei den Käufern der Futtermittel. Sie hätten das Getreide zwar gutgläubig erworben, später aber teilweise den Nachweis von Nitrofen verschwiegen.

Künast stellte klar, dass es sich nicht um einen Öko-Skandal gehandelt habe. Vielmehr sei der genossenschaftliche Raiffeisen-Verbund hauptverantwortlich dafür, dass die Öffentlichkeit nicht frühzeitig informiert wurde. Künast: "Das muss jetzt ein Ende haben." Der Babynahrungshersteller Hipp habe bei internen Eingangskontrollen schon im Jänner Nitrofen in Putenfleisch gefunden und die Lieferung zurückgeschickt. In Richtung Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) und der Unions-geführten Länder, die am Freitag im Bundesrat das Verbraucherinformationsgesetz blockierten, sagte Künast: "Stoiber soll darüber noch einmal nachdenken." Im Vermittlungsausschuss sei dafür jetzt genug Zeit.

30.5.2002 11:35