Mittwoch, 29. Mai 2002

Libyen: Keine Entschädigung f. Lockerbie-Opfer

  • Offizielle Erklärung: Mit derartigem Abkommen nichts zu tun
  • Auch Hinterbliebene misstrauisch: "Schall und Rauch"

Libyen hat am Mittwoch US-Berichte dementiert, die Opfer des Flugzeuganschlags von Lockerbie entschädigen zu wollen. Außenminister Abdel Rahman Shalkam sagte in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsenders Al Jazeera, sein Land habe den Familien der Opfer des 1988 über der schottischen Ortschaft Lockerbie abgestürzten PanAm-Flugzeugs keine Entschädigungsangebote gemacht. Libyen habe nichts mit einem derartigen Abkommen zu tun, hieß es in einer offiziellen Erklärung in Tripolis.

Ein Sprecher der Hinterbliebenen, David Ben-Aryeah, hatte nach Bekanntwerden des angeblichen Abkommens sein Misstrauen bekundet. Solange nichts Schriftliches auf dem Tisch liege, sei alles nur Schall und Rauch. Er bezeichnete das Angebot als "merkwürdig", da es politische Schritte wie die Aufhebung von Sanktionen mit einbeziehe, auf die die Familien keinen Einfluss hätte.

Nach Angaben der internationalen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) hat allerdings ein libyscher Regierungsbeamter unter dem Deckmantel der Anonymität bestätigt, dass Anwälte ein "vorläufiges Abkommen" erzielt hätten. Auch ein offizieller Sprecher des libyschen Außenministeriums räumte ein, dass ein "libyscher Geschäftsmann zusammen mit Rechtsanwälten" Kontakte zu amerikanischen Anwälten der Hinterbliebenen gehabt habe. Die Ergebnisse einer solchen Vereinbarung lägen der Regierung in Tripolis jedoch nicht vor. Das offizielle Tripolis habe damit aber nichts zu tun gehabt: "Der libysche Staat war in der Sache nicht angeklagt(...), und er hat nichts mit Vereinbarungen zu tun, bei denen er nicht beteiligt war."

Laut US-Medien sollte Libyen 2,7 Mrd. Dollar zahlen
Ein ranghoher US-Vertreter hatte davor am Dienstag in Washington angekündigt, Libyen wolle die Angehörigen der 270 Lockerbie-Opfer mit insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (2,92 Milliarden Euro) entschädigen. Libyen mache die Auszahlung jedoch von der Aufhebung bestimmter Sanktionen abhängig. Laut US-Zeitungen vom Mittwoch sollten die ersten 40 Prozent der Entschädigungssumme ausgezahlt werden, wenn die Vereinten Nationen ihre Sanktionen gegen Libyen aufheben und weitere 40 Prozent nach Aufhebung der US-Wirtschaftssanktionen. Die übrigen 20 Prozent würden gezahlt, sobald das US-Außenministerium Libyen von der Liste jener Länder streiche, die den Terrorismus unterstützen sollen. Der US-Vertreter sagte, Washington sei nicht an der Ausarbeitung des Angebots beteiligt gewesen und auch nicht an private Vereinbarungen gebunden.

Beim Absturz eines Pan Am-Jumbos über dem schottischen Lockerbie waren im Jahr 1988 259 Flugzeuginsassen und elf Menschen am Boden ums Leben gekommen. Erst im März hatte ein in den Niederlanden tagendes schottisches Gericht in einem Berufungsverfahren den Schuldspruch gegen den Libyer Abdel Basset Ali el Megrahi bestätigt. Er war im Jänner 2001 wegen des Anschlags zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

29.5.2002 17:53