Dienstag, 28. Mai 2002

Skandal um verseuchten Öko-Weizen weitet sich aus

  • Fünf Bundesländer betroffen
  • Künast: Auch konventioneller Landbau kann betroffen sein

Der Skandal um mit Pflanzengift verseuchte Bio-Erzeugnisse in Deutschland weitet sich aus. Betroffen sind die fünf Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt, wie die deutsche Verbraucherministerin Renate Künast am Dienstag nach einem Treffen mit Vertretern der Ökobauer-Verbände in Berlin bekannt gab. Sie könne nicht ausschließen, dass neben dem Ökolandbau auch die konventionelle Landwirtschaft betroffen sein könnte.

Der niedersächsische Futtermittelhersteller GS agri, bei dem das Krebs erregende Pflanzenschutzmittel Nitrofen 31 Mal nachgewiesen worden sei, habe nur zu zehn Prozent ökologisches Futter hergestellt, sagte die Grünen-Politikerin. Nun müssten auch die anderen 90 Prozent untersucht werden. Gemessen an der Anzahl der betroffenen Tiere sei das Ausmaß des Schadens in Mecklenburg-Vorpommern am größten. "Da geht es in die Hunderttausende", sagte Künast. Für den kommenden Donnerstag kündigte sie ein Treffen mit den Agrarministern der betroffenen Länder an, um den Skandal "rückhaltlos weiter aufzuklären".

Unterdessen teilte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Uwe Bartels mit, dass auch Lieferanten aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern belastetes Getreide an GS agri verkauft hätten. Die Futtermühle im Kreis Cloppenburg habe von mindestens neun Betrieben Nitrofen-haltige Getreidelieferungen erhalten.

Über 300 Tonnen Ökoweizen belastet
Erheblich erhöht hat sich nach Angaben von Bartels die Gesamtmenge des Nitrofen-belasteten Getreides, die von GS agri verarbeitet wurde. Insgesamt seien 301 Tonnen Ökoweizen und rund 248 Tonnen Triticale, eine Kreuzung von Weizen und Roggen, mit dem Unkrautvernichtungsmittel belastet gewesen. Die Frage der Schließung des Futtermittelherstellers durch die Behörden könne sich nach einer rechtlichen Würdigung der Vorgänge "durchaus stellen". Weiterhin fehle eine plausible Erklärung für die Herkunft der Belastung, sagte Bartels. Von der Sabotage bis hin zur illegalen Anwendung des Pflanzenschutzmittels sei alles möglich.

Das brandenburgische Landwirtschaftsministerium bestätigte, dass die Behörde bereits Anfang April über den Nitrofen-Verdacht bei einem Uckermärker Landwirt informiert wurde. Ein Sprecher des Ministeriums sagte, eine Öko-Kontrollstelle habe die Behörde Anfang April über das belastete Getreide des Biohofes aus Stegelitz informiert. Eine Überprüfung habe den Verdacht jedoch nicht erhärtet. Unterdessen ergaben auch neue Kontrollen, dass der Brandenburger Landwirt das verbotene Mittel nicht verwendete.

Bauern-Sprecher will Konsequenzen
Der deutsche Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner erneuerte seine Vorwürfe an Künast. Die Grünen-Politikerin habe ihr Haus nicht im Griff, deshalb seien jetzt politische Konsequenzen fällig, sagte er im ZDF. Bei den seit geraumer Zeit über die Rückstände informierten Stellen handle es sich um Künast unterstellte Behörden. Vor "kriminellen Handlungen" seien weder Ökolandbau noch konventionelle Landwirtschaft geschützt, räumte Sonnleitner ein.

Unterdessen dementierte Schwerins Landwirtschaftsminister Till Backhaus Äußerungen der Verbraucherschutzministerin, wonach Mecklenburg-Vorpommern wegen "wundersamer Mehrung" von Öko-Weizen in einem Neubrandenburger Zwischenlager möglicherweise "im Zentrum des Skandals" stehe. In Mecklenburg-Vorpommern seien nach neuestem Stand fünf Geflügelerzeugerbetriebe mit insgesamt 15 Niederlassungen vorbeugend bis auf weiteres gesperrt.

28.5.2002 19:20