Montag, 27. Mai 2002

Hätten zwei weitere Entführer fassen können

  • Serie verdächtiger Details über Terroristen-Flugschüler lag vor

Das amerikanische Bundeskriminalamt FBI gerät wegen Pannen bei den Terrorermittlungen vor dem 11. September zunehmend unter Druck. Jetzt wächst auch die Kritik aus den eigenen Reihen. Eine leitende FBI-Agentin in Minneapolis (Minnesota) schrieb in einem Brief an FBI-Chef Robert Mueller, die Behörde hätte einige der Selbstmordattentäter vor dem 11. September enttarnen können, wenn den Hinweisen intensiver nachgegangen worden wäre. Das berichtete die "Washington Post" am Montag, die weitere Einzelheiten aus dem in der vergangenen Woche bekannt geworden 13-seitigen Brief veröffentlichte.

Dabei geht es vor allem um die Ermittlungen gegen Zacarias Moussaoui, der drei Wochen vor den Anschlägen festgenommen worden war und vermutlich als 20. Entführer eingesetzt werden sollte. Die FBI- Agentin Coleen Rowley, die zugleich Anwältin ist, schrieb, die Zentrale in Washington habe selbst am Morgen der Anschläge den Beamten untersagt, im Fall Moussaoui weiter zu ermitteln, und dies damit begründet, dass es keine konkreten Verdachtsmomente gebe, obwohl sich der Franko-Marokkaner in einer Flugschule äußerst verdächtig verhalten hatte.

Rowley schrieb: "Auch wenn ich zustimme, dass es sehr zweifelhaft ist, dass das ganze Ausmaß der Tragödie hätte verhindern werden können, so ist es zumindest möglich, dass wir mit ein wenig Glück noch einen oder zwei der Terroristen, die in Flugschulen waren, vor dem 11. September hätten aufspüren können."

Weiter wird in dem Schreiben betont, dass das Beweismaterial im Fall Moussaoui zusammen mit einer Warnung aus einer FBI-Abteilung in Phoenix (Arizona) über mögliches Flugtraining von El-Kaida-Mitgliedern den Verdacht hätte erregen müssen, "dass ein Terroranschlag bevorstand". Moussaoui war verhaftet worden, nachdem die Flugschule das FBI darüber informiert hatte, dass ein ausländischer Flugschüler nur daran interessiert sei, das Steuern einer Maschine zu lernen, nicht aber die Landung.

Rowley, die als gewissenhaft gilt, äußerte nach Angaben der Zeitung auch harte Kritik an Mueller. Der FBI-Chef hatte immer erklärt, seine Behörde habe alles unternommen, um Anschläge zu verhindern.

27.5.2002 17:04