Donnerstag, 23. Mai 2002

Deutsche Telekom-Aktie stürzt auf neues Allzeittief

  • Herabstufung durch Ratingagentur setzt T-Aktie unter Druck

Die Serie schlechter Nachrichten für Aktionäre der Deutschen Telekom reißt nicht ab. Nach einer Herabstufung des Unternehmens durch die Ratingagentur Moody's stürzte die T-Aktie am Donnerstag zeitweise auf ein neues Allzeittief von 11,76 Euro. Moody's hatte wegen schlechterer Gewinnerwartungen im Festnetzgeschäft den Ratingausblick des Unternehmens und seiner US-Tochter VoiceStream von "stabil" auf "negativ" gesenkt. Bei Handelsschluss lag die T-Aktie bei 12,19 Euro.

Moody's begründete die Entscheidung mit der Besorgnis, dass in der Branche die Einnahmen aus dem Festnetzgeschäft möglicherweise schneller sinken könnten als bislang erwartet. Dies erhöhe den Druck auf den größten Europäischen Telekommunikationskonzern zu raschen Umstrukturierungen und zum Abbau des Schuldenberges von 67 Milliarden Euro.

Ein Telekom-Sprecher widersprach allerdings in einer ersten Stellungnahme der Einschätzung der Ratingagentur. "Wir sehen die Weichen für eine Steigerung des operativen Ergebnisses und des Umsatzes im Festnetz gestellt." Die Börse reagiere sehr nervös und übersehe dabei, dass die Deutsche Telekom im Festnetz mit ISDN und DSL gleich zwei Erfolgsgeschichten aufzuweisen habe.

Bereits am Mittwoch war die T-Aktie stark unter Druck geraten, nachdem das Unternehmen für das erste Quartal tiefrote Zahlen berichtet hatte. Der Konzernverlust hatte sich von 358 Millionen Euro im ersten Quartal 2001 auf nunmehr 1,8 Milliarden Euro verfünffacht. Im umsatz- und gewinnstärksten Bereich T-Com, der für das Festnetzgeschäft zuständig ist, war das Ergebnis vor Steuern um fast 50 Prozent auf 694 Millionen Euro eingebrochen.

Chris Oliver Schickentanz von Dresdner Bank Anlagemanagement führte den Kurseinbruch der Deutschen Telekom denn auch auf das Zusammenwirken von Quartalsbericht und der Herabstufung, zurück. Der Markt sei im Moment für jede schlechte Nachricht sehr empfindlich. "Wir haben im Moment eine sehr nervöse Stimmung, sowohl was den Sektor Telekommunikation, als auch was das Unternehmen Deutsche Telekom angeht", sagte Schickentanz. Das Betriebsergebnis sei eine Enttäuschung". Ausgerechnet im Festnetzgeschäft, der wichtigsten Cash-Cow des Unternehmens blieben die Ergebnisse deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Rolf Drees von der Fondgesellschaft Union Investment sagte: "Wir machen uns ehrlich Sorgen, was die Frage der Strategie bei der Telekom angeht." Der Bonner Telekommunikationsriese lege zu wenig Gewicht auf Profitabilität.

Ungeachtet der Kursentwicklung steht der Aufsichtsrat nach den Worten seines Vorsitzenden Hans-Dietrich Winkhaus geschlossen hinter Konzernchef Ron Sommer. Winkhaus sagte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" von Freitag: "Er ist aus unserer aller Sicht nach wie vor der richtige Mann an der Spitze des Konzerns." Sommer habe auch die Unterstützung der Bundesregierung. "Ja, er hat sie und das gilt sowohl für den Bundeskanzler als auch für Bundesfinanzminister Hans Eichel", sagte Winkhaus. Der Bund hält direkt und indirekt rund 43 Prozent des Kapitals und ist damit größter Aktionär der Telekom.

Der Aufsichtsratsvorsitzende stellte sich zugleich hinter die von Sommer verfolgte strategische Ausrichtung der Telekom. "Ich zweifle nicht daran, und auch die übrigen Aufsichtsratsmitglieder zweifeln nicht daran, dass die Strategie der Telekom richtig ist." Der Aufsichtsrat habe keinen Grund, die Strategie in Frage zu stellen. Dies wäre nach Winkhaus Worten nur dann der Fall, wenn das Unternehmen seine Prognosen über zweistellige Wachstumsraten bei Umsatz und operativen Ergebnis Ebitda (Ergebnis vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Amortisationen) im Durchschnitt der Geschäftsjahre bis 2004 nicht einhalte. "Wenn wir das nicht erreichen, dann wäre das für mich ein ganz entscheidender Punkt", sagte Winkhaus.

Das Handelsblatt berichtete unterdessen, die Telekom wolle bis 2004 mehr Arbeitsplätze abbauen als geplant. Ziel sei es, zusätzlich 10.000 Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen zu streichen, sagte Personal-Vorstand Heinz Klinkhammer dem Blatt. "Wir brauchen aber ein Szenario, das bezahlbar bleibt." In Deutschland mit zurzeit knapp 180.000 Beschäftigten sollen demnach unter dem Strich 22.000 Stellen wegfallen.

Die Gewerkschaft ver.di wies zurück, dass mit dem Unternehmen bereits der Abbau von 12.000 Stellen vereinbart sei. In der kommenden zweiten Verhandlungsrunde werde es ausschließlich um die Löhne und Gehälter der Telekom-Beschäftigten gehen, sagte ver.di-Verhandlungsführer Rüdiger Schulze. Bei einem geplanten weiteren Abbau müsse die "Telekom erst einmal offen legen, wo und wie dies geschehen kann".

23.5.2002 20:42