Internationale Vermittlungsversuche in Kaschmir-Krise
- Pakistan kündigt neue Raketentests an
- USA warnen Indien vor Offensive

Im Kaschmir-Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan sind die internationalen Vermittlungsbemühungen angelaufen. EU-Außenkommissar Chris Patten führte am Freitag in Neu-Delhi Gespräche mit der indischen Regierung. Der britische Außenminister Jack Straw wurde am Montag in Indien erwartet. Die USA warnten Indien vor einer Militäroffensive in der Konfliktregion.
UBO-Generalsekretär Kofi Annan forderte beide Seiten zu Zurückhaltung auf. An der Grenze in der umstrittenen Kaschmir-Region lieferten sich Soldaten den achten Tag in Folge heftige Gefechte. Pakistan kündigte unterdessen für die kommenden Tage neue Raketentests an. Nach Regierungsangaben wurden mehrere Länder darüber informiert.
Ein pakistanischer Regierungssprecher erklärte in Islamabad, die Tests hätten nichts mit der derzeitigen Lage zu tun. Nach Angaben eines Regierungsvertreters sollen die Raketentests zwischen Samstag und Dienstag stattfinden. Indien bestätigte, vom Nachbarland über das Vorhaben informiert worden zu sein. "Das ist Routine", hieß es in einer Stellungnahme des indischen Außenministeriums. Auch Indien bestritt einen Zusammenhang mit dem seit Tagen eskalierenden Konflikt um die geteilte Region Kaschmir. Ein indischer Armeesprecher beschrieb die Lage in Kaschmir am Freitag als relativ ruhig.
Patten wollte nach Angaben des indischen Außenministeriums noch am Freitag mit dem indischen Außenminister Jaswant Singh zusammenkommen. Zuvor traf Patten mit dem nationalen Sicherheitsberater der indischen Regierung zusammen. Am Donnerstag hatte der EU-Kommissar bereits den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf in Islamabad getroffen. Im Gespräch mit Verteidigungsminister Herbert Scheibner hatte Musharraf vor drei Tagen in Islamabad die EU und die USA zur Einschaltung in den Konflikt aufgefordert. Scheibner wollte den EU-Außenpolitik- Beauftragten Javier Solana über seine Gespräche mit Musharraf informieren.
US-Außenminister Colin Powell, der Präsident George W. Bush auf seiner Russland-Reise begleitete, telefonierte nach Angaben seines Ministeriums zwei Mal mit Musharraf und wollte auch Gespräche mit der indischen Seite führen. Am 4. Juni soll Powells Stellvertreter Richard Armitage in die Krisenregion reisen. Die USA planen eine enge Militärkooperation mit Indien. Annan bot seine UNO-Vermittlung an, doch bisher ist nur Pakistan bereit, eine solche zu akzeptieren. Der österreichische Kommandant der UNO-Beobachtungsmission (UNMOGIP), Generalmajor Hermann Loidolt, rechnete trotz der Eskalation weiter nicht mit dem Ausbruch eines bewaffneten Konflikts zwischen den Nachbarn, wie er Donnerstag Abend beim Zwischenstopp Scheibners in Islamabad erklärte.
Indien stellt Pakistan Zwei-Monats-Ultimatum
Indien will Pakistan einem Pressebericht zufolge vor der Entscheidung über einen möglichen Krieg eine Zwei-Monatsfrist gewähren, binnen derer es geeignete Maßnahmen gegen islamische Extremisten treffen soll. Das indische Sicherheitskabinett habe Musharraf mehr Zeit gegeben, um gegen "Terroristen" in Kaschmir vorzugehen, berichtete die indische Tageszeitung "Hindustan Times". Premierminister Atal Behari Vajpayee wollte unterdessen zu einem dreitägigen Kurzurlaub im nördlichen Ferienort Manali im Bundesstaat Pradesh aufbrechen. Experten werteten dies als Zeichen der Entspannung.
Nach einem Bericht der "Times of India" wies die indische Regierung die Armee an, ihre Angriffe auf pakistanische Stellungen entlang der Grenze zunächst zu verstärken. Die Grenzpatrouillen sollten "aggressiver" vorgehen, damit die Rebellen "einen größeren Preis für die Grenzüberquerung zahlen" müssten. In der Nacht zum Freitag wurden bei indischen Raketenangriffen auf den pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs nach Polizeiangaben zwei Menschen getötet. Während der über eine Woche andauernden Gefechte wurden nach Angaben beider Seiten insgesamt mindestens 36 Inder und Pakistaner getötet.
Die indische Oppositionsführerin Sonia Gandhi kritisierte, die Regierung Vajpayee habe kein umfassendes Konzept bei der Bekämpfung des grenzüberschreitenden Terrorismus vorzuweisen. Grundsätzlich werde ihre Partei die Regierung bei ihrem Kampf gegen den Terrorismus unterstützen, sagte sie bei einem Treffen der Kongresspartei. Pakistan und Indien führten bereits zwei Kriege um die umstrittene Kaschmir-Region. Nach einem Anschlag von Rebellen im indischen Teil Kaschmirs, bei dem vergangene Woche 35 Menschen getötet worden waren, eskalierte die Lage erneut. In den vergangenen Monaten zogen die beiden verfeindeten Atommächte dort rund eine Million Soldaten zusammen.
Großbritannien: Vorbereitung auf Atomkrieg
Großbritannien bereitete sich offenbar auf mögliche Atomschläge zwischen Indien und Pakistan vor. Die Londoner Zeitung "Times" berichtete in ihrer Freitagausgabe, dass Militärstrategen Pläne erstellten, wie man auf eine solche Auseinandersetzung reagieren könne, die die Streitkräfte als "reale Möglichkeit" einstuften. Außerdem würden Evakuierungspläne für britische Staatsbürger im Krisengebiet entworfen. Aus indischen Armeekreisen verlautete, die Offiziere seien angewiesen worden, ihren Urlaub vor September zu nehmen. Danach würde kein Urlaub mehr bewilligt.
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