Samstag, 18. Mai 2002

Osttimor nach Jahrhunderten wieder unabhängig

  • Nach fast 500 Jahren Besatzung
  • Gilt als ärmstes Land Asiens

Nach mehr als 400 Jahren Fremdherrschaft ist Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen worden. Freudenkundgebungen begleiteten die Zeremonie der Staatsgründung in Dili. Die politische Verantwortung für den Pazifik-Staat ging damit von den Vereinten Nationen auf die neue Regierung über. Als erster Präsident wurde der ehemalige Guerillakämpfer Xanana Gusmao vereidigt.

Ministerpräsident Mari Alkatiri vereidigte am Montag sein neues Kabinett. Hunderte Zuschauer verfolgten die Amtseinführung von 23 Ministern und Staatssekretären. "Wir müssen eine solide, transparente und zuverlässige Regierung schaffen", sagte Alkatiri. Ihre wichtigste Aufgabe sei die Aussöhnung Osttimors mit der früheren Besatzungsmacht Indonesien.

UN-Beitritt noch in diesem Jahr
Die 88 Abgeordneten des neuen Parlaments beschlossen unmittelbar nach ihrer Vereidigung den Beitritt zu den Vereinten Nationen noch in diesem Jahr. Osttimor wird dann das 190. UNO-Mitglied sein. Das neue Parlament ratifizierte auch die Allgemeine Menschenrechtserklärung der UNO. An der Zeremonie um Mitternacht nahmen UNO-Generalsekretär Kofi Annan, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, der portugiesische Präsident Jorge Sampaio und die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri teil. "Ich beglückwünsche Euch, Bevölkerung von Osttimor, zu dem Mut und der Ausdauer, die ihr gezeigt habt", sagte Annan. Der Weg zur Unabhängigkeit sei nicht einfach gewesen.

UNO-Flage durch Fahne von Osttimor ersetzt
Nach einem Feuerwerk holte ein Soldat der UNO-Friedenstruppe die blaue Fahne der Vereinten Nationen ein. Sie wurde von der osttimorischen Flagge ersetzt, die einen weißen Stern auf rot-schwarz-gelbem Hintergrund zeigt. Clinton hisste an der neuen US-Botschaft das amerikanische Sternenbanner. Die Menschen in der Hauptstadt Dili feierten den historischen Tag mit Umzügen und einem gigantischen Feuerwerk. Die Feiern hatten mit einem Gottesdienst begonnen. Nobelpreisträger Bischof Carlos Ximenes Belo las vor rund tausend Menschen in Dili eine Messe unter freiem Himmel. An der Messe nahm auch Außenminister Jose Ramos Horta teil, der 1996 zusammen mit Belo den Friedensnobelpreis erhalten hatte.

In einer Ansprache zum Amtsantritt sagte Gusmao, die schwierige Vergangenheit dürfe Osttimor nicht im Bemühen um eine friedliche Zukunft und um Wohlstand hemmen. Die Unabhängigkeit habe keinen Wert, solange die Menschen weiter in Armut leben müssten. Osttimor ist der ärmste Staat der Welt. Etwa 40 Prozent der Einwohner sind Analphabeten, die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Mehr als 40 Prozent der rund 740.000 Osttimoresen haben einem UNO-Bericht zufolge weniger als 0,55 Dollar (rund 0,60 Euro) pro Tag. Die Lebenserwartung der Menschen liegt den Angaben zufolge bei 57 Jahren, und mehr als die Hälfte aller Kinder ist unterernährt.

Hilfe für den jungen Staat
Japan kündigte am Montag knapp 700.000 Dollar (rund 750.000 Euro) an Hilfsleistungen an, um den Unterhalt der mehrere Hundert Soldaten starken UNO-Sicherheitstruppe vorläufig weiter zu finanzieren. Mitte Mai hatte eine internationale Geberkonferenz Osttimor 360 Millionen Dollar Aufbauhilfe zugesagt. "Ich bleibe optimistisch", sagte Außenminister Jose Ramos-Horta. Unter stabilen Bedingungen werde das Land innerhalb von fünf bis zehn Jahren die Basis für eine wirtschaftliche Blüte schaffen.

Alkatiri und der australische Außenminister Alexander Downer unterzeichneten ein Abkommen über die Nutzung von Ölquellen vor der Küste Osttimors. Demnach erhält der junge Staat künftig 90 Prozent der Einnahmen aus der Ausbeutung der Ölvorkommen, die nur mit Hilfe australischer Firmen erschlossen werden können. Die neue Regierung hofft auf Einnahmen von sieben Milliarden Dollar (7,7 Milliarden Euro) in den kommenden 20 Jahren. Dennoch wird Osttimor noch auf Jahre hinaus von Hilfe aus dem Ausland abhängig bleiben.

Vierhundert Jahre portugiesische Kolonie
Osttimor war vier Jahrhunderte lang portugiesische Kolonie. Im Zweiten Weltkrieg war Osttimor drei Jahre lang von japanischen Truppen besetzt. Im August 1975 zog sich Portugal zurück, vier Monate später rückten indonesische Truppen ein. Auch nach der Annexion 1976 kam es immer wieder zu blutigen Gefechten. Nachdem sich die Bürger der Provinz in einem Referendum im August 1999 für eine Loslösung von Indonesien ausgesprochen hatten, zerstörten proindonesische Milizen große Teile von Dili; mehrere hundert Menschen verloren bei diesem Rachefeldzug ihr Leben, bis die Vereinten Nationen die Verwaltung Osttimors übernahmen.

18.5.2002 22:30