Donnerstag, 16. Mai 2002

NEWS: 75 Prozent der Lehrer haben Angst

  • So gewalttätig sind Österreichs Schüler: 30.000 "Auffällige"
  • AHS-Lehrer wollen sogenannte "Krisenstunde" einführen

Allein gegen die Schulklasse: Österreichs Lehrer leben in Angst vor den Schülern. Besonders seit dem schrecklichen Amoklauf in Erfurt. Immer mehr Lehrer steigen aus. Immer mehr brauchen psychologische Betreuung.

Plötzlich waren da Beklemmungs-Gefühle. Schmerzen in Brustkorb und Arm. Die Diagnose der Ärzte: Herzinfarkt. Eine Folge von Stress? Von Problemen? Von "latenter Furcht"?

Angst vor dem Amok-Lauf
Zwei Tage vor seinem körperlichen Zusammenbruch gab Rudolf Schwarz NEWS noch ein Interview zum Thema "Gewalt in der Schule". "Ein gewisses Angstgefühl ist allgegenwärtig." Im Frühjahr des Vorjahres planten drei Schüler seinen und den Tod zweier anderer Lehrer. Die Buben erzählten anderen von ihrem Komplott - die warnten die Polizei. Die Tat konnte verhindert werden. Aber die Furcht davor, "dass das Schreckliche irgendwann dann doch noch Wirklichkeit werden" könnte, "ist nicht so einfach wegzuschieben".

Alltägliche Gewalt
Die Angst der Lehrer, das unfassbare Geschehen am Gutenberg-Gymnasium könnte sich in einer heimischen Schule jederzeit wiederholen, ist keineswegs nur panische Vision. "Viele Kollegen haben jetzt Angst davor, blaue Briefe zu verschicken. Wie soll ein Lehrer in Zukunft sagen, dass er einen Schüler nicht zur Matura zulassen wird?" fragt sich Schuldirektor Lutz Lennardt. Faktum ist: Drohungen und Attacken gehören schon längst zum Stundenplan in Österreichs Schulen.

30.000 Auffällige
Rund 500 Schüler werden jedes Jahr bundesweit wegen diverser Gewaltdelikte angezeigt. 30.000 Kinder und Jugendliche gelten als "schwer verhaltensauffällig". Die Folge des Schülerterrors: Immer mehr Lehrer steigen aus. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Lehrer, die um Stundenreduktion oder Frühpensionierung ansuchen, verdoppelt.

Schwindende Autorität
Ohnehin sind für die Lehrer eine Vielzahl an Belastungen hinzu gekommen. Grundsätzlich habe der Respekt der Kinder vor Autoritäten nachgelassen, die Gewaltbereitschaft sei gestiegen, heißt es, und die "Absenzen" hätten auch dramatisch zugenommen. "Das Problem ist auch", so AHS-Professor Josef Grießl, "dass wir , wenn die Schüler 18 sind, keine Möglichkeit mehr haben, einzuschreiten. Dem Gesetz nach dürfen wir nicht einmal ihre Eltern verständigen, wenn sie unentschuldigt dem Unterricht fern bleiben."

16.5.2002 13:46